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„Neue Technologien führen zu einem radikal neuen Autodesign

Welchen Einfluss Trends wie Elektromobilität, autonomes Fahren und Carsharing auf das Autodesign nehmen werden – der anerkannte Designkritiker Prof. Paolo Tumminelli hat die passenden Antworten. Eines ist sicher: Die Veränderungen werden nicht jedem gefallen.

Interview: Carsten Paulun  April 2018

Herr Prof. Tumminelli, die Digitalisierung hat auch die Automobilbranche voll erwischt. Fluch oder Segen?

Weder noch, sondern die natürliche Entwicklung eines Produktes, das nach wie vor Rückgrat unserer Gesellschaft ist – eine digital vernetzte Gesellschaft braucht ein digital vernetztes Automobil – und zeitgemäße Mobilitätsformen dazu. Damit geht ein philosophischer Paradigmenwechsel einher: Das Automobil hat im 20. Jahrhundert physische Geschwindigkeit möglich und erlebbar gemacht, die digitale Welt des 21. Jahrhunderts annulliert dieses Gefühl – Geschwindigkeit verdünnisiert sich in der Millisekunde zwischen Klick und Download. Digitalisierung wird, zum Beispiel über smarte Verkehrssteuerung, so in ein Paradoxon münden: Das Auto der Zukunft wird langsamer fahren, und doch wird man damit schneller unterwegs sein. Nach einer notwendigen Transformationsphase kann die Konsequenz nur ein radikal neues Automobil-Designkonzept sein.

 

Wie sehr wird sich autonomes Fahren auf das Fahrzeugdesign auswirken?

Das kann man nicht pauschal sagen, denn uns fehlt völlig die Erfahrung damit, wie sich autonomes Fahren überhaupt erleben lässt. Im Grunde genommen war das Lastenheft der Konstrukteure bisher relativ eindeutig: Autos wurden aus der Fahrerperspektive gestaltet. Wenn wir aber künftig im Auto nicht mehr fahren, sondern schlafen oder arbeiten oder auch nur kommunizieren dürfen, ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten, die es zunächst auszuloten gilt. Wer autonomes Fahren bereits erlebt hat, der weiß: Bloß vorne sitzen und nach außen schauen kann einfach nicht die Lösung sein. Wir benötigen einen Ersatz für das Lenkrad. Ohne Lenkrad ergeben sich neue Hierarchien und neue Lebensformen im Auto. Momentan beschäftigt sich die Forschung lediglich mit dem technisch Möglichen. Man sollte aber auch untersuchen, wie sich die Zeit im Auto aus der menschlichen Perspektive gestalten lässt, zum Beispiel im Sinne von Intimität und Sozialität der Insassen. Stellt man sich ein Sleeping-Car vor, das einen nachts langsam und entspannt von Köln nach Berlin fährt, könnte das autonom fahrende Auto ein fensterloser Kokon sein. Oder es könnte völlig offene, durchsichtige Architekturen geben, die Autos samt Insassen als soziale Wesen requalifizieren – wie Kommunen auf Rädern. Beides impliziert völlig neue Horizonte für unser Leben.

Wird die Elektromobilität das Design unserer Fahrzeuge mehr bestimmen als andere Technologien? Wenn ja, in welchen Bereichen und mit welchen Auswirkungen?

Wir sollten nicht vergessen, dass Elektromobilität so alt ist wie das Automobil selbst. Doch die Entwicklung wurde maßgeblich vom Verbrennungsmotor geprägt. Im Rückblick muss man dem großen Fritz B. Busch recht geben, als er ein wenig ironisch postulierte, seit dem Ford A von 1931 habe sich nicht viel getan im Automobilbau. Tatsächlich muss die konsequente Fokussierung auf den E-Antrieb zu einem radikal neuen Designkonzept des Automobils führen. Betrachtet man die Tesla & Co. von heute, befinden wir uns noch ganz am Anfang der Entwicklung – so in etwa wie beim Automobil im Jahr 1899.

 

 

Werden wir E-Fahrzeuge in Zukunft allein schon am Design erkennen?

Nichts spricht dagegen, einen 1965er Rolls Royce mit ­E-Antrieb nachzurüsten und in ein herrliches Vehikel umzuwandeln. Doch alles spricht dafür, dass das Elektroauto eine multiple Identität annehmen wird – was auch sehr zeitgenössisch wäre. Gerade weil der E-Antrieb völlig neue Möglichkeiten entfaltet, wird man anfänglich beliebige Richtungen anstreben. Andererseits ist es auch denkbar, dass ein einziger Player mit einem einzigartigen Designkonzept eine bahnbrechende Disruption bewirkt. Wie einst Ford mit dem Ford T, der seinerzeit 50 Prozent des globalen Markts belegte, oder später das iPhone, das eine global geltende Produkt-Typologie prägte. Vom iPhone auf Rädern träumen viele.

Ohne Lenkrad ergeben sich neue Hierarchien
und neue Lebensformen im Auto

Auch die Millennials wünschen ein eigenes Auto, doch entscheidend für sie sind andere Parameter als zum Beispiel Größe und Motorleistung

Wird es ein Zweiklassendesign geben: Edel und futuristisch für E-Autos, konservativ und wertig bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren?

Ein Zweiklassendesign wird es nicht geben. Tritt kein besonderes Gesetz in Kraft, bräuchte es in Deutschland gut 30 Jahre, um den privaten Fuhrpark gänzlich zu erneuern. So werden Verbrenner und E-Autos lange zusammenleben müssen. Man kann sich ein duales Modell vorstellen: E-Autos werden erst das Stadtbild prägen. Und wenn die Regierungen ihren Job richtig tun, werden dies eher kompakte Fahrzeuge wie die japanischen Kei-Cars. Verbrenner werden aber in Grenzgebieten weit länger dominieren. Schließlich bietet der Verbrennungsmotor auch Vorteile – denken Sie nur an Kosten, Reichweite, Tankdauer und Verfügbarkeit von Ladesäulen. Nicht nur aus kulturhistorischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht ist es daher wichtig, keine Hexenjagd auf Verbrenner zuzulassen. Wir dürfen nicht vergessen: Je mehr E-Autos auf die Straße kommen, desto niedriger fällt auch die Gesamtbelastung durch die mittlerweile ohnehin sehr sauber fahrenden Verbrenner aus.

 

Schon jetzt weiß und sieht man, dass ein die Identität prägendes Element wie der Kühlergrill bei E-Autos überflüssig ist. Was werden Techniker und Designer stattdessen zur Differenzierung nutzen?

Nicht nur der Kühlergrill, sondern streng genommen auch ein Motorraum würde überflüssig – außer in dem Fall, dass dieser als Kofferraum umfunktioniert wird, wie bei Tesla oder auch dem alten 911er. Die Frage der Identität ist allerdings entscheidend. Menschen betrachten die Front eines Autos als Gesicht. Daher spricht man auch von Charakter als Designwert. Natürlich kann man Persönlichkeit auch ohne Kühlergrill erzeugen – wie damals im Käfer. Doch Freiraum erfordert Gestaltung. Das Auto wird möglicherweise keine „Augen“ und keinen „Mund“ mehr haben. Dafür werden Designer einen Ersatz suchen müssen – denn Autos sind nun mal keine Kühlschränke. Ganz sicher werden einerseits OLED-Beleuchtung, andererseits die fürs autonome Fahren notwendige Technik neue Akzente setzen.

 

Werden elektrische Komponenten wie der Radnabenmotor das Design komplett verändern?

Vom E-Golf lernen wir, dass die Kombination aus E-Antrieb und Batterie nicht automatisch das Design komplett verändern muss. Es wäre allerdings beschämend für die Techniker, die Möglichkeiten der neuen Technologien nicht zu nutzen, um eine neue Automobilarchitektur zu definieren. Es wäre so, als ob man das Handy in Form eines normalen Telefongeräts gestaltet hätte – nur ohne Kabel. Durch Radnabenmotoren ergeben sich zusätzliche Freiheitsgrade fürs Design. Denn „fehlt“ der Motor gänzlich, gewinnt der Gestalter noch mehr Freiraum. Wo es keinen Motor gibt, braucht man keinen Motorraum, keine Motorhaube und erst recht keinen Kühlergrill, dazu ergeben sich auch noch bessere Möglichkeiten beispielweise für den Fußgängerschutz. Schließlich wird aber die Entscheidung über künftig herrschende Antriebsformen ökonomischer Natur sein. Ehe sich ein Standard durchsetzt, werden wir eine Vielfalt möglicher Konfigurationen erleben. Ich bin mir sicher, dass das sehr spannend wird.

Der Schaeffler Mover mit Radnabenantrieb bietet eine Plattform für autonome und elektrifizierte Mobilitätslösungen wie Robo-Taxis oder Transportfahrzeuge. Die Antriebs- und Fahrwerkskomponenten sind platzsparend in einer Einheit zusammengefasst. Dies ermöglicht eine 90°-Lenkung und bietet maximalen Innenraum

Durch Radnabenmotoren ergeben sich zusätzliche Freiheitsgrade fürs Design.Denn „fehlt“ der Motor gänzlich, gewinnt der Gestalter noch mehr Freiraum

Immer mehr Menschen nutzen Carsharing. Das eigene Auto hat vor allem in vielen Großstädten schon ausgedient, auch als Statussymbol. Inwiefern wird so ein Trend das Design beeinflussen?

Diese Entwicklung ist das Resultat einer seit Jahrzehnten falsch angelegten Mobilitätspolitik, die das Autofahren vor allem im urbanen Raum seiner Qualität beraubt hat. Gerade Deutschland ist dabei ein schlechtes Vorbild: Es wurde der Absatz verschwenderischer Automobilkonzepte favorisiert, statt den Einsatz stadtfreundlicher Modelle zu fördern – das machen Japan und Norwegen besser. Zusätzlich wurde und wird in vielen Ländern kaum in eine bessere, zukunftsfähige Infrastruktur investiert. Carsharing ist ein interessantes Konzept, das in der Stadt sehr sichtbar wird, da diese Autos demonstrativ öffentlichen Raum in Anspruch nehmen. Trotz des geringen Anteils  von Carsharing an der gesamten individuellen Mobilität bringt dessen günstiger Zugang junge Menschen dazu, das Automobil zu nutzen und zu lieben – und das wissen die Hersteller, die dieses Angebot privatwirtschaftlich betreiben. Die gewohnte Nutzung verstärkt den Drang der Millennials nach einem eigenen Auto. Doch entscheidend für diese sind andere Parameter als zum Beispiel Größe und Motorleistung. Dazu gehören Umweltfreundlichkeit, Parkraum, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und natürlich die Einbindung digitaler Entertainment- und Kommunikationstechnologien. Die Markenpolitik vieler Autohersteller hat diese Trends bisher zu wenig berücksichtigt. Neue Technologien wie Elektromobilität und autonomes Fahren bieten nun die Chance, das in Teilen zu korrigieren. Aber ich warne davor, sich das Auto der Zukunft in Form von einheitlichen Sparbüchsen vorzustellen. Ich glaube eher, dass durch die westliche Konsumkultur eine Vielfalt von Lebens- und Mobilitätsformen auf uns zukommen wird.

 

Persönliche Frage zum Abschluss: Nennen Sie zwei bis drei Ihrer persönlichen Ikonen des Autodesigns und welches aktuelle Auto Ihr Favorit in Sachen Design ist?

Jede Epoche hat ihre Ikonen, und gleichzeitig muss man feststellen, dass die Zeit der Ikonen vorbei ist. Botox und Silikon halten vergangene Mythen am Leben, etwa den Porsche 911. Mich persönlich begeistert die Intelligenz des Automobils der 80er-Jahre. Abgesehen von der passiven Sicherheit und der Abgastechnik – und fern von digitalen Gimmicks – erreichte Design in jenen Jahren eine konzeptionelle Perfektion. Moderne Ikonen sind ganz klar Giorgetto Giugiaros Fiat Panda, der Toyota Land Cruiser J7, der bis heute produziert wird und seine Dienste in den härtesten Einsatzgebieten dieser Welt tut, und der Mercedes-Benz 190 – Bruno Saccos Meisterstück, verkannt, weil es einfach „klein“ war. Aktuellem Automobildesign stehe ich bekanntlich kritisch gegenüber. Geht es um Stil, so finde ich die Linie von Volvo und Jaguar Land Rover ästhetisch ansprechend. Auf der Suche nach einem Euro-6-Neuwagen, der vor allem nachhaltig, sparsam und sympathisch sein sollte, würde ich einen Morgan 4/4 wählen. Das ist auch ein Tribut an das Auto von gestern, während man sich auf das von morgen freut.

Der Befragte

Paolo Tumminelli wärmte sich mit dem Architekturstudium in Mailand auf, sprintete ins Design, rutschte ins Marketing, raste durch die strategische Markenberatung und landete 2000 als Professor für Designkonzepte an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Technischen Hochschule Köln. Ein überzeugter Generalist – er betrachtet Design aus der Perspektive einer globalen Konsumkultur. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Automobilität. Zu diesen Themen berät Prof. Tumminelli Unternehmer und Unternehmenslenker. Parallel ist er Publizist, Autor, Redner, Kurator und Moderator.

Fotos Claas Janssen, privat (1)

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Ohne Lenkrad ergeben sich neue Hierarchien und neue Lebensformen im Auto

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