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WATT und VolT?

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Die Revolution der Energieversorgung geht von den Städten aus. Mehr Effizienz, bessere Mobilität, eigene Öko-Kraftwerke. Städte wie Kopenhagen gehen bei der Energiewende voran.

von Marcus Franken Juli 2018

Die Zukunft kommt in den Städten immer zuerst an. Und die Kleine Meerjungfrau im Hafen von Kopenhagen hatte schon einiges gesehen: die ersten Flugzeuge, die ersten Autos, in den 1960ern die ersten Kunst-Avantgardisten – sie schlugen ihr den Kopf ab. Aber Windräder im Wasser, das war im Jahr 2000 auch für die Jungfrau neu.

 

„Bis 2025 wird Kopenhagen sich selbst mit klimaneutralem Strom versorgen, als erste Hauptstadt der Welt“, haben die Stadtoberen versprochen. Der erste Schritt waren schon im Jahr 2000 jene 20 Windräder, die die Stadt in den Øresund gebaut hat. In Sichtweite der berühmten Jungfrau. Eine kleine Stadt als Vorbild für die Welt?

 

Sicher ist: Die Städte wachsen rasant. Das macht Ballungsräume zu den Hotspots des Energiekonsums: Gerade in Ländern wie Indien und China hat der Energiebedarf seit 1990 bis zum Dreifachen zugelegt. Wenn es so weitergeht wie bisher, würde sich der weltweite Energiebedarf bis 2050 noch einmal mehr als verdoppeln.

 

Nach einer Siemens-Studie stehen die urbanen Zentren schon heute für zwei Drittel des Energieverbrauchs. Und der Energiebedarf soll nach dem Pariser Klimaabkommen mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Doch während viele dünn besiedelte Landkreise ihren Strombedarf mit einigen wenigen Windrädern und Solaranlagen sicherstellen können, sind die Möglichkeiten der Metropolen begrenzt. Selbst in einer 3,6-Millionen-Stadt wie Berlin stehen heute gerade mal fünf Großwindanlagen – allesamt an der Stadtgrenze. Trotz der Solaranlagen auf vielen Dächern der Stadt kann Deutschlands Hauptstadt nach eigenen Angaben nicht mal vier Prozent ihres Stroms selbst produzieren. Bei Heizwärme und Treibstoffen für Autos geht die Quote gegen null. In den Multi-Millionen-Konglomeraten wie Tokio, Delhi, New York oder Shanghai sieht es noch schlechter aus.

 

Städte als Öko-Vorreiter

 

Dabei haben gerade die Einwohner der dicht bebauten Metropolen die Chance, die eigentlichen Öko-Vorreiter zu sein. Denn beim Energieverbrauch pro Kopf schneidet der Stadtbewohner regelmäßig besser ab als die Menschen im Umland. In Deutschland etwa liegen die durchschnittlichen CO2-Emissionen bei 11 Tonnen pro Kopf und Jahr. In Hamburg dagegen beträgt der Wert nur sechs Tonnen, in Berlin sogar nur knapp fünf Tonnen pro Kopf. Auch in Paris, London, Singapur, Moskau und Hongkong braucht der einzelne Bewohner vergleichsweise wenig Energie. Der Grund ist einfach: In den Städten haben die Menschen kurze Wege, sie sind weniger auf das Auto angewiesen und können leichter auf Rad, Bus und Bahn umsteigen. Auch sind Wohnungen in Städten kleiner, sie verbrauchen weniger Heizenergie als die Häuser auf dem Land.

Groß, dicht und kompakt – was für die Lebensqualität in den Städten kein Vorteil ist, ist die große Chance für Klimaschutz und Energieversorgung. Besonders dann, wenn neben Büros und Wohnungen auch noch Industrie vorhanden ist. Beispiel Hamburg: Da wird eine alte Kupferhütte im Industriehafen Veddel künftig die neue HafenCity mit Wärme versorgen, die Leitungen werden gerade gebaut. Beispiel Hochhaus: Die Architekten des Bahrain World Trade Center haben drei Windräder in die 240 Meter hohen Zwillingstürme gesetzt, die bis zu einem Achtel des Energiebedarfs des Hauses bereitstellen. Beispiel Mobilität: In Städten wie Berlin hat nur noch jeder Zweite einen Autoführerschein. Dafür stehen überall Leihwagen, Leihräder und die Verkehrsbetriebe mit Bussen und Bahnen bereit. „Wenn das alles über eine einzige App genutzt werden kann wie in München und anderswo geplant, dann ist die Mobilität der Zukunft schon teilweise Realität“, sagt Weert Canzler. Der Mobilitätsexperte am Wissenschaftszentrum Berlin ist davon überzeugt, dass Fahrzeuge mit effizientem Elektroantrieb die Zukunft sind. Und dass diese Zukunft in den Städten beginnt.

 

Wer Wind erntet, lässt Strom fließen: Kopenhagens wichtigste Energiequelle steht im Meer

Und gerade eines der ältesten Fahrzeuge erlebt in den Städten ein Revival: Der Drahtesel. In Kopenhagen hat die Zahl der Fahrradfahrer, die in die Innenstadt pendeln, schon 2015 die Zahl der Autopendler übertroffen. Weil die Stadt das Radfahren mit besseren Wegen und direkteren Verbindungen fördert, hat sich die Zahl der Radler seit 1970 fast verdreifacht. Die der Autofahrer ist dagegen um ein gutes Drittel gesunken. Leben denn nur Ökos in Dänemark? Eher nicht. Kopenhagen ist laut Forbes eine der teuersten und begehrtesten Wohnadressen in Europa. Und nur jeder hundertste Radler radelt wegen der Umwelt. Eine Umfrage zeigt: Für die meisten ist das Rad vor allem billig, gesund und schnell. Die Vorteile des Velos haben inzwischen auch die Stadtoberen in Asien entdeckt, die den Drahtesel Jahrzehntelang durch Autos ersetzen wollten. Dort boomen Leihräder.

 

Strom und Wärme: Holz ersetzt Kohle

 

Doch woher kommt der Strom, wenn künftig die Autos die Energie aus der Leitung genauso brauchen wie die zunehmende Zahl von Gebäuden, die mit elektrischen Wärmepumpen geheizt werden? In Kopenhagen ist man überzeugt: Den machen wir selbst. Die Stadt hat nicht nur in die 20 Windräder im Øresund und in weitere Offshore-Windparks investiert, eigene Windräder laufen auch in Jütland und Lolland. Das machen inzwischen viele: Die Stadtwerke München etwa haben sich ebenfalls Windparks gesichert, besonders in der fernen Nordsee. „Bis 2025 wollen wir so viel Ökostrom in eigenen Anlagen erzeugen, wie München benötigt“, heißt es stolz. Auch die Stadtwerke anderer Kommunen investieren in Erneuerbare. Und viele Kommunalpolitiker drängen die Betreiber der alten Kohlekraftwerke dazu, die CO2-Schleudern durch klimafreundliche Anlagen zu ersetzen. Auf Druck der Stadt hat der Vattenfall-Konzern in Berlin jetzt ein großes Braunkohlekraftwerk durch umweltfreundlichere Gaskraftwerke ersetzt.

 

Aber Kopenhagen geht auch hier noch einen Schritt weiter: Ebenfalls in Sichtweite der Kleinen Meerjungfrau baut Dänemarks größter Energieversorger Hofor gerade ein Kraftwerk, das ab dem kommenden Jahr nur noch Holz verbrennen wird. Das CO2, das in einem Jahr beim Verbrennen des Holzes freigesetzt wird, wird gleichzeitig dort gebunden, wo das Holz für das nächste Jahr gerade nachwächst. Die CO2-Emissionen jedes Einwohners von Kopenhagen betragen schon heute nur noch 2,8 Tonnen pro Kopf und Jahr. Das neue Kraftwerk wird ein Drittel der Kopenhagener Haushalte mit klimafreundlicher Wärme versorgen. Das bringt die Stadt ihrem Ziel wieder ein Stück näher, ihr Energie- und Klimaprojekt 2025 erfolgreich abzuschließen. Und sie macht sich noch mehr zum Ziel für Bildungsreisen von Bürgermeistern aus aller Welt.

Reykjavík

 

gilt noch vor Kopenhagen und anderen „grünen“ Hochburgen wie Vancouver und Oslo als sauberste Stadt der Welt – dank der Kraft der Natur. Islands Hauptstadt mit ihren 120.000 Einwohnern wird durch Wasserkraft und Geothermie mit Strom, Heizenergie und warmem Wasser versorgt. Spätestens 2050 soll auch der fossile Treibstoff für Verbrennungsmotoren Vergangenheit sein.

Nützlicher Blickfang: Die Windräder des World Trade Center in Bahrain decken ein Achtel seines Energiebedarfs

 

Solarmodule bedecken seit nunmehr zehn Jahren das fußballfeldgroße Dach der päpstlichen Audienzhalle Paolo VI. Die Anlage hat eine Gesamtleistung von rund 220 Kilowatt und liefert rund 300 Megawattstunden Strom im Jahr, dies entspricht in etwa dem jährlichen Bedarf von 100 europäischen Vier-Personen-Haushalten oder einem Fünftel des vatikanischen Strombedarfs. Der deutsche Papst Benedikt XVI. boxte auch die Mülltrennung in dem kleinsten Staat der Erde durch, als dies im umliegenden Italien noch als Hobby von Freaks galt.

 

Der Autor

Marcus Franken hat in Berlin Umwelttechnik studiert, als Umweltjournalist gearbeitet und leitet jetzt die Agentur Ahnen&Enkel, die Unternehmen bei Umweltthemen berät. Aber auch den überzeugten Städter zieht es fast jedes Wochenende in die Familiendatsche auf dem Land: Durch die Windräder in der Uckermark hat er die Energiewende dann live vor der Tür.

Fotos Getty (5), privat

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