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der einstein

der weisen

Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat. Diese physikalische Gleichung ist so bahnbrechend und bekannt wie der Mann, der sie vor 112 Jahren erstmals niederschrieb: Albert Einstein.

von Wolfgang Stegers  April 2017

Als Albert Einstein 1905 seine Formel E = mc² postuliert, gesellt sie sich welthistorisch zu René Descartes’ Erkenntnis „Ich denke, also bin ich“ oder zur Eulerschen Identität, die als schönste aller mathematischen Formeln gilt. Aber nur E=mc² schafft es zum Graffito an Gleisanlagen oder Toilettentüren, wird auf Briefmarken gedruckt oder zum Modelabel umfunktioniert. 1999 ernennt die Zeitschrift „Time“ den Wissenschaftler mit Kultstatus zur wichtigsten Person des 20. Jahrhunderts, dem 2005 im Gedenken an sein „annus mirabilis“ vor hundert und an seinen 50. Todestag vor fünfzig Jahren ein eigenes Gedenkjahr gewidmet wird.

 

Das Jahr 1905 ist Albert Einsteins Wunderjahr. Der 26-Jährige arbeitet seit drei Jahren im Berner Patentamt. Ein Nine-to-five-Job. Nach Feierabend wird Einstein dann selbst zum „Erfinder“. Ein fleißiger obendrein. Nicht weniger als vier wegweisende Arbeiten veröffentlicht er 1905. Allesamt bedeuten sie einschneidende Fortschritte in der Physik.

 

Die erste Arbeit erreicht die Berliner Redaktion der „Annalen der Physik“, eines der ältesten Fachblätter der Welt, am 17. März 1905. Einstein behauptet darin, dass Licht aus Teilchen besteht, den sogenannten Photonen. Damit schafft Einstein eine wichtige Grundlage für die Theorie der Quantenmechanik.

 

Am 11. Mai legt er nach. Mit seinem zweiten Schrei­ben in die deutsche Hauptstadt liefert Einstein die erste schlüssige Erklärung für die Brownsche Molekularbewegung und wird somit zum Mitbegründer der statistischen Mechanik.

 

Am 30. Juni bekommt die Redaktion von „Annalen der Physik“ abermals Post aus Bern. Unter der Überschrift „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ postuliert Einstein die Spezielle Relativitätstheorie. Diese widerlegt die Existenz eines das ganze Weltall durchdringenden Äthers, revolutioniert die Vorstellung von Raum und Zeit und definiert die Lichtgeschwindigkeit als absolutes Geschwindigkeitsmaximum.

 

In einem auf den 27. September datierten Nachtrag mit dem Titel „Ist die Trägheit eines Körpers von seinem Energieinhalt abhängig?“ wird dann zum ersten Mal die später weltberühmte Formel beschrieben – als Fußnote. Die Arbeit hatte Einstein zuvor als Dissertation an der Uni Zürich eingereicht.

Ein Schelm: Einstein wurde so oft fotografiert, dass er auf die Frage nach seinem Beruf auch schon mal „Fotomodell“ angab

Bam! Ein junger Familienvater, einst Schulunterbrecher, nun „technischer Experte III. Klasse“ im Patentamt Bern und der Fachwelt bis dato völlig unbekannt, hat binnen eines Jahres die Welt verändert. Der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb dazu: „1905, eine Explosion von Genie. Vier Publikationen über verschiedene Themen, deren jede, wie man heute sagt, nobelpreiswürdig ist.“

Gewaltige Energien

 

E = mc2 ist – wenngleich eigentlich nur eine Randnotiz – eine besondere Erkenntnis. So einfach, so klar und doch so umfassend. Jeder der drei Buchstaben symbolisiert eine bestimmte physikalische Größe. Klein „c“ steht für „celeritas“, die Lichtgeschwindigkeit. Klein „m“ ist die Masse, gemessen in Kilogramm. Wird die Lichtgeschwindigkeit „c“ mit sich selbst und dann mit der Masse „m“ multipliziert, ergibt sich die Energie „E“. Allein schon die enorme Größe der Lichtgeschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde lässt erahnen, dass die resultierende Energie gewaltig sein muss.

Drei Tausendstelgramm Masse reichen aus, um eine 100-Watt-Glühlampe 100 Jahre lang brennen zu lassen. Nach der Gleichung ist ein Körper oder Gegenstand gleichzeitig auch Licht oder Wärme. Diese Gleichwertigkeit wird Hunderttausenden von Menschen 1945 auf besonders tragische Weise offenbar. Mit dem Abwurf der beiden Atombomben über Hiroshima und Nagasaki werden mit der Teilung von Atomen gigantische Mengen an Energie freigesetzt. Die japanischen Zentren werden zerstört, die Menschen vernichtet.

 

Angetrieben von der Sorge, Nazi-Deutschland könnte mit einer eigenen Atombombe die Weltherrschaft an sich reißen, gibt der jüdischstämmige und mittlerweile in die USA emigrierte Einstein bereits 1939 durch einen Brief an US-Präsident Franklin Roosevelt einen ersten Anstoß für das amerikanische Nuklearwaffenprojekt. Kein leichter Schritt für den überzeugten Pazifisten. Später nennt er das Schreiben „den einzig schweren Fehler in meinem Leben“.

 

Von diesem dunklen Kapitel zurück zu etwas Erhellendem, das ebenfalls mit E=mc2 zu erklären ist: Die wärmenden Strahlen der Sonne entstehen durch Kernreaktionen bei der Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium und anderen Elementen. Der Kernreaktor Sonne wandelt vier Millionen Tonnen Materie pro Sekunde in Strahlung um. Solche Energiemengen technisch auf der Erde zu erzeugen, für friedliche Zwecke und ohne schädliche Nebenwirkungen, wird immer noch versucht.

 

Wie aus dem Physiker ein Popstar wurde

 

Warum ausgerechnet Einstein in eine Popularitätsumlaufbahn katapultiert wird, die kein anderer Wissenschaftler vor und – vielleicht mit Ausnahme von Stephen Hawking – nach ihm erreicht, ist selbst ihm ein Rätsel geblieben. „Woher kommt es nur, dass mich niemand versteht und jeder mag?“, fragt sich Einstein immer wieder. Nicht selten gibt er den Genervten: „Jeder Piepser wird bei mir zum Trompetensolo.“

 

Ein Naturschauspiel rückt ihn ins Rampenlicht. Bei einer totalen Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 fotografieren zwei Expeditionen des britischen Astronomen Arthur Stanley Eddington Sternenbilder, die eigentlich nicht hätten sichtbar sein dürfen, weil sie hinter der Sonne lagen. Damit ist bewiesen, was Einstein in seiner 1915 vorgelegten Allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt hat: dass Himmelskörper durch ihre Masse und Energie den sie umgebenden Raum krümmen, wie eine schwere Kugel, die man in ein straff gespanntes Laken legt. Lichtstrahlen, die sich durch einen solch verbogenen Raum bewegen, folgen der Krümmung ebenfalls. Daher lassen sich die verborgenen Sternenbilder fotografieren. Die wissenschaftlichen Details dieser himmlischen Sensation versteht ein Großteil der Menschheit damals zwar immer noch nicht (ebenso wie heute), sehr wohl realisiert man aber, dass es einen Menschen unter ihnen gibt, der das Schauspiel und andere wundersame Phänomene vorhergesehen hatte: Albert Einstein. Die ganze Welt spricht plötzlich über ihn und seine Arbeit. Besonders in den USA grassiert die Einstein-Mania. Sehr zu seinem Verdruss: „Gegenwärtig debattiert jeder Kutscher und jeder Kellner, ob die Relativitätstheorie richtig sei. Mit mir hat man seit dem Bekanntwerden der Lichtkrümmung einen Kultus getrieben, dass ich mir vorkomme wie ein Götzenbild.“

Das Genie privat: mit einer seiner beiden angeheirateten Töchter auf dem Schoß und bei seinem Hobby Segeln

Die zwischenmenschliche Gravitation

 

So populär Einstein plötzlich auch ist, auf sein Privatleben wirkt sich der Ruhm nach eigener Aussage wenig aus. Dies beschreibt er als „erstaunlich ereignisarm“. Geboren wird der spätere Zurechtrücker des physikalischen Weltbildes 1879 in Ulm. Seine Eltern sind Hermann und Pauline Einstein, Mittelstand, Juden, nicht sehr gläubig, dafür freigeistig, belesen, liberal und vorwärtsdenkend. Ihr Sohn spricht erst im Alter von drei Jahren seine ersten Worte, diese bilden aber gleich ganze Sätze. Auch mit sozialer Interaktion tut er sich schwer. Aber er ist – zeitlebens– von einer kindlichen Neugier getrieben. Von einem „unwiderstehlichen Verlangen, die Geheimnisse der Natur zu verstehen“, wie er es später einmal selbst formulieren wird. Als Elfjähriger freundet sich Albert Einstein mit dem zehn Jahre älteren Medizinstudenten Max Talmud an. Talmud: „Bald war der Flug seines mathematischen Genies so hoch, dass ich ihm nicht mehr folgen konnte.“ Doch der Überflieger sieht seine Flügel von der militärischen Ordnung seines Münchner Gymnasiums gestutzt. Albert schmeißt hin, bewirbt sich am Züricher Polytechnikum für einen Studienplatz, rasselt aber wegen sprachlicher Defizite durch die Aufnahmeprüfung. Der Umweg über eine Kantonsschule in Aarau ebnet schließlich den Weg zum Ingenieurstudium. Das fröhliche Studentenleben seiner Kommilitonen interessiert ihn nicht. Statt Kneipen besucht der Wissenshungrige fachfremde Vorlesungen. Dennoch lernt er eine Frau kennen. Mitstudentin Mileva Maric ist zum Leidwesen von Einsteins Eltern ein Bücherwurm wie ihr Sohn. Dennoch heiratet er 1903 sein „gescheites Luder“. Ein Jahr später wird Sohn Hans Albert geboren, 1910 folgt mit Eduard ein zweiter Junge. Ein 1987 entdeckter Briefwechsel deutet darauf hin, dass 1902 eine voreheliche Tochter zur Welt gekommen sein muss, deren Schicksal aber unaufgeklärt ist. Ebenfalls viel diskutiert wird bis heute darüber, welchen Anteil seine mathematisch begabte Frau an Einsteins bahnbrechenden Arbeiten hat. Ein Nährboden für diese Spekulationen ist die Tatsache, dass in seinen Abhandlungen nicht selten der Plural „wir“ auftaucht.

IQ-Treffen: Einstein (1) unter anderem mit Max Planck (2), Marie Curie (3), Hendrik Antoon Lorentz (4), Erwin Schrödinger (5), Werner Heisenberg (6) und Niels Bohr (7)

Trotz der gemeinsamen Begeisterung für die Wissenschaft hält die Ehe nicht. Als Einstein 1921 mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet wird, sind die beiden längst geschieden. Ein Grund für das Ehe-Aus war Einsteins Verhältnis mit seiner Cousine Elsa, die er 1919 heiratet. 1933 emigrieren beide in die USA, wo Elsa 1936 in der neuen Heimatstadt Princeton stirbt. Obwohl sich Einstein liebevoll um seine kranke Gemahlin kümmert, sind die Ehejahre davor schwierig. Denn der nerdige Physiker – wer hätte es gedacht – fühlt sich von der Gravitation des weiblichen Geschlechts auf sehr unkeusche Art angezogen. 1952 wird Einstein das Amt des israelischen Präsidenten angeboten. Er lehnt ab: „Es ist zwar schon mancher Rebell ein Bonze geworden, aber das kann ich nicht über mich bringen.“ Drei Jahre später ist Einstein tot. Seine Asche wird zerstreut, ein Grabmal, das womöglich zu einem Wallfahrtsort werden könnte, will der ungewollte Popstar nicht.

Der Autor

Albert Einstein und kein Ende. Schon als Redakteur beim Wissensmagazin „P.M.“ befasste sich Wolfgang Stegers mit dem kauzigen Wissenschaftler und seinen genialen Einfällen. Und das aus gutem Grund: Ausgaben mit EInsteins markantem Konterfei auf dem Titel waren stets Bestseller am Kiosk.

Fotos Getty

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