Schaeffler verwendet Cookies, um Ihnen eine optimale Nutzung zu gewährleisten. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Zukunft wohnt in der Stadt

Buchstäbliche Wolkenkratzer in Shanghai: Die chinesische Megacity kommt im PwC-Stadtvergleich nur auf Rang 21. Sie kann einzig als Messezentrum und Verkehrsdrehscheibe herausstechen

Die Verstädterung der Gesellschaft wird unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen – da ist sich die Mehrheit der Trendforscher einig. Eine umfangreiche Studie der Unternehmensberatung PwC zeigt auf, warum London, Singapur und Toronto für die anstehenden Herausforderungen am besten gerüstet sind und welche Metropolen den größten Nachholbedarf haben. Drei Faktoren, die auch in der Unternehmensstrategie von Schaeffler eine zentrale Rolle spielen, gelten hier als entscheidend: Digitalisierung, Innovationsfreude und Mobilität.

von Carsten Paulun

Lian Chen ist gerade 32 geworden. Mit seiner Frau Xiaomeng (29) und seiner Tochter Laura (9) ist er vor sieben Monaten aus einem Dorf in die chinesische Millionen-Metropole Shanghai gezogen. Er war mit Leib und Seele Bauer, wie sein Vater und sein Großvater. Wie alle Eltern sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschen, möchten auch Lian und Xiaomeng, dass ihre Tochter es weniger beschwerlich haben wird als sie selbst. Nicht, dass sich die Chens über ihr früheres Leben beklagen. Sie vermissten aber eine Perspektive. Vor allem für ihre Tochter. Lian fährt jetzt Taxi, Xiaomeng arbeitet in einer Näherei. Sie sind jetzt glücklicher als früher, vor allem, weil ihre Tochter eine Chance auf eine bessere Zukunft hat. Eine Zukunft mit Bildung, Krankenversorgung und vielleicht etwas Wohlstand.

 

Gefahr durch gesellschaftliche Schieflage

 

So wie die Chens handeln Millionen Menschen weltweit. Sie ziehen in die Stadt, auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück und zumindest einem kleinen bisschen Wohlstand. Beides ist auf dem Land immer seltener zu finden. Von medizinischer Versorgung, Komfort und – ja, auch das ist wichtig – Entertainment ganz zu schweigen. Das trifft auf Afrika genauso zu wie auf den Süden Italiens oder ländliche Gebiete in Ostdeutschland.

 

Die große Landflucht stellt Metropolen wie Paris, New York, Rio de Janeiro, Shanghai, Johannesburg oder Sydney vor mächtige Herausforderungen. Es gilt, wirtschaftliche und soziale Komponenten gleichermaßen zu berücksichtigen und möglichst viele Menschen am Erfolg teilhaben zu lassen – sonst drohen gesellschaftliche Schieflagen und katastrophale Missstände wie in Lagos, dem Schlusslicht der Studie. Armut ist ein großes Problem in vielen Städten. Auch in Jakarta. Und wo es an Geld fehlt, fehlt es an Bildung. „40 Prozent unserer jüngeren Einwohner können es sich nicht leisten, zur Schule zu gehen“, klagt Pak Ahok, Gouverneur von Indonesiens Hauptstadt. Das fehlende Geld spiegelt sich aber auch im Straßenverkehr wider. Wegen der leeren Kassen wurde viel zu spät begonnen, einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr einzurichten. „Daher gibt es in Jakarta 17,5 Millionen Fahrzeuge, darunter 13 Millionen Mopeds“, so Pak Ahok weiter. Die Folge: dicke Luft  – in vielerlei Hinsicht. Eine Stadt ist wie ein Getriebe. Ein Zahnrad greift ins andere.

 

Ein wichtiger urbaner Impulsgeber ist eine fruchtbare, breit gefächerte Innovationskultur. Daher sei es auch Aufgabe der Stadtväter, diese mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu hegen und zu pflegen, fordert der italienische Architekt und Urbanisierungsexperte Carlo Ratti vom renommierten Massachusetts Institute of ­Technology (MIT). Innovationen bringen Arbeitsplätze, Arbeitsplätze bringen Geld. Das Geld bezahlt Schulen, Straßen, Sozial­leistungen, öffentlichen Nahverkehr – sprich Lebensqualität. Und ­diese Lebensqualität lockt neue Innovationstreiber in die Stadt. So die Kurzfassung urbaner Prosperität. Bestens zu bewundern in London, Singapur und Toronto, den drei Top-Playern des aktuellen PwC-Rankings.

London starker Spitzenreiter mit Schwächen beim Verkehr

#1

Die 1863 in Betrieb genommene Tube ist die älteste U-Bahn der Welt und Londons wichtigstes Verkehrsmittel

London, der Spitzenreiter des diesjährigen PwC-Rankings, macht in den Augen der Studienverfasser „viele Dinge richtig und ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus“. Die britische Hauptstadt ist ein Quell an Innovationen und Fachkräften. Außerdem verfügt die Themse-Metropole über die größte wirtschaftliche Schlagkraft und glänzt als Messestandort und internationales Verkehrsdrehkreuz. Sehr gut bestellt ist es auch um die „Technologiebereitschaft“ (Platz 2 hinter Singapur).

 

Gut, aber nicht sehr gut ist London im Bereich urbane Mobilität und Infrastruktur aufgestellt – einem wichtigen Standortfaktor, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Bürger. Schon jetzt finden jeden Tag 31 Millionen Fahrten in London statt – mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem ÖPNV. Und in allen Bereichen will London investieren. In Neubau von Fahrradschnellstraßen, Park-&-Ride-Plätzen und Bahnlinien ebenso wie den Ausbau und die Renovierung bestehender Bahnverbindungen und Straßen. Die Digitalisierung soll außerdem helfen, die Mobilität effizienter zu machen. Schon jetzt haben laut dem Jahresbericht des Londoner Verkehrsamtes 8.200 Entwickler die Daten der Behörde genutzt, um rund 500 Apps zu entwickeln, die 40 Prozent aller Londoner dazu nutzen, sich schneller und besser in ihrer Stadt zu bewegen. Das hilft auch der Umwelt, einem weiteren Schwachpunkt Londons.

 

Ein großes Problem des Nahverkehrs: Er ist zu teuer – wie so vieles in der Stadt. Ein nicht zu unterschätzender Malus: Exorbitant hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sind kein schmackhafter Köder beim Fischen nach Fachkräften. Ein weiterer Faktor, der zu einem Fachkräftemangel führen könnte: der Brexit, der in der PwC-Studie generell nicht berücksichtigt ist. Wenn der Brexit Barrieren aufbaut, indem beispielsweise der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, könnte viel Innovationskraft verloren gehen. Charles Wiles, Eigentümer der App-Schmiede Zzish und Brexit-Gegner, formuliert es bei LinkedIn so: „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Tech-Branche in London, für große Firmen wie Google oder Toshiba ebenso wie für Start-ups. Überall war es für den Erfolg ein entscheidender Faktor, dass wir Talente aus allen Teilen der Welt, aber insbesondere aus Europa zu uns ziehen konnten. Ohne diese Talente würden die Firmen in arge Probleme kommen oder gar scheitern.“

 

Einwohner 2016 8.500.000

Progn. Einw. 2040 10.400.000

Fläche 1.572 km2

Gegründet 50 n. Chr.

Seit 2001 ist der Eintritt in alle staatlichen Museen kostenlos

 

Bildung und Innovation, Messen und Tourismus, Wirtschaftlicher Einfluss

Kosten, Transport und Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Umwelt

Singapur Reich und Zugeknöpft

#2

Gute Aussichten: Vom Infinity-Pool des Hotels Marina Bay Sands blickt man auf die gut aufgestellte Verkehrs- und Wirtschaftsmetropole Singapur

Singapur ist anders. Anders als London, anders als Toronto. Singapur ist schwülheiß. Singapur ist eng. Enger als fast jede andere Metropole auf der Welt. Obwohl sich die Landmasse durch Aufschüttungen in den letzten 50 Jahren um fast 50 Prozent vergrößert hat, hocken 7.654 Einwohner auf einem Quadratkilometer. In Berlin sind es halb so viele. Was Singapur ebenfalls von vielen anderen Metropolen unterscheidet: Der Stadtstaat ist reich, die Verwaltung ist so effizient strukturiert wie ein Konzern. Auch die Bevölkerung ist gut situiert. Fast 200.000 Dollar-Millionäre leben in Singapur, beim Pro-Kopf-Einkommen zählt man zu den Top Ten auf der Welt. Firmen können sich in Singapur überdurchschnittlich frei entfalten und profitieren wie die Bürger von niedrigen Steuersätzen – zwei weitere Stärken der Stadt laut PwC-Studie.

 

Viel Geld aus dem kerngesunden Staatssäckel fließt in die Bereiche Transport und Verkehr. Singapurs Hafen ist der zweitgrößte der Welt nach Shanghai, die Hälfte des weltweiten Petroleumhandels wird hier abgewickelt. In einem beneidenswerten Zustand sind auch die Straßen. Singapur hat 1975 als erste Stadt weltweit eine City-Maut eingeführt und schon ein Kleinwagen ist so teuer wie anderswo eine Luxuslimousine. Die Alternativen: Eines der 28.000 erstaunlich preiswerten Taxen schnappen, oder das ÖPNV-Angebot in Anspruch nehmen. Durch den Ausbau des Wegenetzes soll das Fahrrad attraktiver werden.

 

Sehr gut ausgebaut ist bereits das Kommunikationsnetz für schnelles Internet. Das gibt Pluspunkte im Bereich „technologische Bereitschaft“. Allerdings wird daraus zu wenig Kapital geschlagen: Singapur liegt laut der Studie im Bereich Innovationen international nicht an der Spitze. Und frischer Geist von außen muss hohe Hürden bei der Zuwanderung nehmen. Diese Schranken könnten auch das Demografieproblem Singapurs zuspitzen. Wenn die Stadt nicht gegensteuert, wird sich der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 verdoppeln.

 

 

Einwohner 2016 5.500.000

Progn. Einw. 2040 6.200.000

Fläche 718 km2

Gegründet 7. Jahrhundert n. Chr., seit 1965 unabhängiger Stadtstaat

62 Inseln bilden das Staatsgebiet

 

Technologiebereitschaft, Verkehr und Infrastruktur, Bedingungen für Geschäftstätigkeit

Nachhaltigkeit und Umwelt, Bevölkerungsstruktur, Intellektuelles Kapital und Innovationen

Toronto die verkannte Größe

#3

Blick vom Ontariosee auf die Skyline von Toronto. Herausstechendes Merkmal: der 550 Meter hohe CN Tower, einst das höchste Gebäude der Welt

London glänzt als Innovationstreiber und globaler Wirtschaftsmotor, Singapur als Technologieführer und Geschäftsförderer. Und das drittplatzierte Toronto? Laut der PwC-Studie ist die kanadische 2,6-Millionen-Einwohner-Stadt in keiner Kategorie absolute Spitze. Entscheidend ist aber: Toronto ist ein Allrounder, verbucht viele Topergebnisse und leistet sich keine Schwächen. Der Multikulti-Schmelztiegel (50% der Einwohner sind im Ausland geboren) ist nach New York der zweitwichtigste Finanzplatz Amerikas und gehört weltweit zu den Top Ten.

 

Auch in den zukunftsweisenden Hightech-Sparten Biowissenschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ist Toronto stark aufgestellt. Und: Jeder Dritte Arbeitnehmer hat einen Hochschulabschluss. Wen wundert es da, dass das „Intelligent Communities Forum“ Toronto regelmäßig zu den „Intelligentesten Städten der Welt“ zählt. Das soll so bleiben: Allein die Zahl der IKT-Kräfte soll laut einem Arbeitsmarktbericht bis 2019 um 52.700 Menschen auf dann fast eine Viertelmillion ansteigen.

 

Viele dieser Stellen könnten durch eigenen Nachwuchs besetzt werden. Toronto verweist nicht ohne Stolz darauf, 2014 in der Studie „Youthfulcities“ zur jugendfreundlichsten Stadt der Welt ernannt worden zu sein. Vieles, was Toronto so attraktiv macht, kommt gerade bei jungen Menschen gut an: innovative und kreative Arbeitsplätze, guter öffentlicher Nahverkehr, schnelles und bezahlbares Internet und digitale Dienste, attraktive Lage am Wasser und eine lebendige Musik-, Film- und Kulturszene.

 

Trotz der beneidenswert guten Rahmenbedingungen hat es Toronto geschafft, bei den Kosten – gemeint sind vor allem Lebenshaltungs- und Lohnkosten – in der PwC-Studie auf Platz zwei zu rangieren, gleich hinter Johannesburg. Es spricht also vieles dafür, nach Toronto zu ziehen. 100.000 Menschen tun dies jedes Jahr. Viele Neuankömmlinge zieht es in den Speckgürtel. Die „Greater Toronto Area“ soll von 6,6 auf über 9,4 Millionen Einwohner im Jahr 2040 wachsen. Das stellt auch Verkehrsplaner vor neue Herausforderungen. Denn bislang ist nur das Wegenetz ins Zentrum State of the Art, die Anbindung der Randbezirke untereinander ist jedoch Stückwerk.

 

 

Einwohner 2016 2.600.000

Progn. Einw. 2040 3.300.000

Fläche 630 km2

Gegründet 1793

Peter Ustinov: „Toronto ist wie ein von Schweizern geführtes New York“

 

Gesundheitswesen und Sicherheit, Kosten, Nachhaltigkeit und Umwelt, Bildung und Innovation

Messen und Tourismus, Transport und Infrastruktur, Wirtschaftskraft

Die Studie

Seit mehr als 14 Jahren untersucht die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) ausgesuchte Großstädte weltweit in der Studie „Cities of Opportunity“. Jeweils zwei Jahre tragen 15.000 Mitarbeiter die Kerndaten ausgesuchter Städte zusammen und erstellen ein umfangreiches Ranking.

 

Die aktuelle Studie von 2016 vergleicht 30 Metropolen von Amsterdam bis Toronto, von Sydney bis Johannesburg. Die Grafik zeigt die Top 15 plus das Schlusslicht Lagos. Ausgewertet werden 67 unterschiedlichste Kriterien, die in den folgenden zehn Kategorien zusammengefasst sind:

Lagos Schlußlicht ohne Hoffnung

Nigeria ist ein reiches Land, doch die Bevölkerung ist arm. Die Gewinne aus den ergiebigen Erdölfeldern versickern in der Korruption. Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas leidet zusätzlich unter Terrorismus. Die größte Stadt ist mit gut 15 Millionen Einwohnern Lagos – der Verlierer der PwC-Studie. Und es ist eine hausgemachte Niederlage. Denn das beste Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in diesem Vergleich mit Raten von 6,5 und 6,2 Prozent beweist das Potenzial der Stadt. Doch die Stadt investiert zu wenig, vor allem in Bildung und Wissen. Es gibt kaum Internetverbindungen, kaum frei zugängliche Bibliotheken und Universitäten, kaum Rechtssicherheit. In keiner anderen Stadt dieser Studie ist es schwerer, sein geistiges Eigentum zu schützen. Ein Gesundheitssystem ist kaum vorhanden, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. Senioren sind sich und ihren Familien überlassen. In keiner anderen Stadt herrschen mehr Gewalt und Kriminalität. Und die Stadt bietet für die breite Bevölkerung nichts, was sie lebenswert macht: keinen öffentlichen Personenverkehr, keine bezahlbare Unterhaltung, keine Parks. Lagos ist für Menschen wie für Firmen gleich attraktiv: nämlich gar nicht. Hochschullehrer, Fachpersonal, Ingenieure – alle verlassen die Stadt. Nur das Öl zieht internationale Firmen nach Lagos. Die Exporteinnahmen des Erdöls führen zu einem kontinuierlichen Anstieg der Preise und Lebenshaltungskosten. Deshalb zählt Lagos mittlerweile zu den teuersten Städten Afrikas.

Megatrend Urbanisierung

Afrika und Asien legen vor

97,6 % aller Japaner werden 2050 voraussichtlich in Städten leben – absolute Weltbestmarke. Aber auch der globale Durchschnitt manifestiert den Trend zur Urbanisierung: 66,5 % aller Erdenbürger werden laut Berechnungen der Vereinten Nationen Mitte dieses Jahrhunderts in einer Stadt wohnen. Während sich die Urbanisierung im überwiegenden Teil der industrialisierten Welt abschwächt, nimmt sie in Schwellen- und Entwicklungsländern signifikant zu. Der Anteil Asiens und Afrikas am urbanen Wachstum liegt bei 90 Prozent. China soll 2050 einen Urbanisierungsgrad von 75 Prozent erreicht haben. Zum Vergleich: 1950 lag der Wert bei 12 %. Indiens Metropole Delhi – 1950 nicht unter den 20 Top-Städten der Welt vertreten – wird 2050 mit über 30 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt hinter Tokio sein.

Die 20 größten Städte der Welt (in Millionen Einwohner)

Nordamerika

Mittel-/Südamerika

Europa

Afrika

Asien

Prognose: Vereinte Nationen

» Man sollte die Städte
auf dem Lande bauen,
da ist die Luft besser

Henri Bonaventure Monnier

14 Mio.

Menschen leben in Los Angeles. Sie haben viermal so viel Platz wie die 18 Mio. Einwohner Mumbais – ein typisches Beispiel für die Enge in ärmeren Megacitys.

Giga-Metropolregion

Über 100 Millionen Menschen im Perlfluss-Delta mit den Millionenstädten Guangzhou, Hongkong, Shen­zhen, Dongguan, Foshan, Jiangmen, Huizhou, Zhong­shan und Zhuhai wohnen auf einer Fläche, die in etwa der von Baden-Württemberg entspricht.

Städte als Wirtschaftsmotor

Die Wirtschaftskraft einiger Megastädte ist mittlerweile so groß wie die von einzelnen Ländern. Daher erfassen Volkswirte neben dem Brutto-Inlandsprodukt (BIP) mittlerweile auch das Brutto-Urban-Produkt (BUP). Das BUP der chinesischen 11-Millionen-Einwohner-Metropole Guang­zhou beispielsweise ist mit 271 Mrd. Dollar höher als das BIP von Finnland (270 Mrd.) Allerdings hat Guangzhou auch doppelt so viele Einwohner.

Die BUP-Top 5 im Jahr 2030 in Milliarden US-Dollar

Prognose: Oxford Economics

MAKROtrend „Greening“

Eine stabile, breite Mittelschicht bildet das Rückgrat einer gesunden Stadt. Und die dazu gehörenden Menschen haben einen veränderten Wertekanon mit einem immer stärker ausgeprägten ökologischen Bewusstsein. Das sollte sich auch in der Städteplanung widerspiegeln: Aus Grey Citys sollen Green Citys werden. Die norditalienische Industriestadt Mailand hat diesen Wandel vollzogen. 320 Hektar innerstädtische Grünflachen sind entstanden, ebenso 140 Kilometer Radwege. In der Innenstadt wurde tagsüber ein Fahrverbot für Pkw verhängt. Architektonisches Symbol für den Wandel ist der „Bosco Verticale“ („Vertikaler Wald“): Der mit Tausenden Bäumen und Sträuchern bewachsene Wohnkomplex wurde 2014 als innovativstes Hochhaus der Welt ausgezeichnet.

Mobilität in den Städten

Anteile zurückgelegter Wege nach Fortbewegungsmittel in Großstädten 2013 (in Prozent)

Motorisierter Individualverkehr

Öffentlicher Verkehr

Fahrradverkehr

Fußgängerverkehr

Sonstiges

Quelle: MAN/TU München

Fotos Zora Zhuang/Getty, Future Publishing/Getty, Ariane Soldevilla/Getty, Joey Luna/Getty, Thomas Ledl/Wikipedia, Yann Arthus-Bertrand/Getty

Mehr Technologie erleben mit Schaeffler. Klicken Sie hier …

„Last Mile“-Versuch

Da geht noch was

Wer mit wem warum?

Die Digitalisierung hilft der energieintensiven Industrie, Ressourcen effizienter zu nutzen

Wie komme ich von der Haustür zur Haltestelle, vom Bahnhof zum Büro bei Schaeffler? Mitarbeiterin Michelle Biegel hat ein E-Skateboard probiert

Die Mobilität für morgen zu gestalten ist eine komplexe Aufgabe. Um diese zu bewältigen, müssen viele Akteure zusammengebracht werden

Die Online-Version des Technologiemagazins von Schaeffler

Die Zukunft wohnt in der Stadt

Buchstäbliche Wolkenkratzer in Shanghai: Die chinesische Megacity kommt im PwC-Stadtvergleich nur auf Rang 21. Sie kann einzig als Messezentrum und Verkehrsdrehscheibe herausstechen

Die Verstädterung der Gesellschaft wird unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen – da ist sich die Mehrheit der Trendforscher einig. Eine umfangreiche Studie der Unternehmensberatung PwC zeigt auf, warum London, Singapur und Toronto für die anstehenden Herausforderungen am besten gerüstet sind und welche Metropolen den größten Nachholbedarf haben. Drei Faktoren, die auch in der Unternehmensstrategie von Schaeffler eine zentrale Rolle spielen, gelten hier als entscheidend: Digitalisierung, Innovationsfreude und Mobilität.

von Carsten Paulun

Lian Chen ist gerade 32 geworden. Mit seiner Frau Xiaomeng (29) und seiner Tochter Laura (9) ist er vor sieben Monaten aus einem Dorf in die chinesische Millionen-Metropole Shanghai gezogen. Er war mit Leib und Seele Bauer, wie sein Vater und sein Großvater. Wie alle Eltern sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschen, möchten auch Lian und Xiaomeng, dass ihre Tochter es weniger beschwerlich haben wird als sie selbst. Nicht, dass sich die Chens über ihr früheres Leben beklagen. Sie vermissten aber eine Perspektive. Vor allem für ihre Tochter. Lian fährt jetzt Taxi, Xiaomeng arbeitet in einer Näherei. Sie sind jetzt glücklicher als früher, vor allem, weil ihre Tochter eine Chance auf eine bessere Zukunft hat. Eine Zukunft mit Bildung, Krankenversorgung und vielleicht etwas Wohlstand.

 

Gefahr durch gesellschaftliche Schieflage

 

So wie die Chens handeln Millionen Menschen weltweit. Sie ziehen in die Stadt, auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück und zumindest einem kleinen bisschen Wohlstand. Beides ist auf dem Land immer seltener zu finden. Von medizinischer Versorgung, Komfort und – ja, auch das ist wichtig – Entertainment ganz zu schweigen. Das trifft auf Afrika genauso zu wie auf den Süden Italiens oder ländliche Gebiete in Ostdeutschland.

 

Die große Landflucht stellt Metropolen wie Paris, New York, Rio de Janeiro, Shanghai, Johannesburg oder Sydney vor mächtige Herausforderungen. Es gilt, wirtschaftliche und soziale Komponenten gleichermaßen zu berücksichtigen und möglichst viele Menschen am Erfolg teilhaben zu lassen – sonst drohen gesellschaftliche Schieflagen und katastrophale Missstände wie in Lagos, dem Schlusslicht der Studie. Armut ist ein großes Problem in vielen Städten. Auch in Jakarta. Und wo es an Geld fehlt, fehlt es an Bildung. „40 Prozent unserer jüngeren Einwohner können es sich nicht leisten, zur Schule zu gehen“, klagt Pak Ahok, Gouverneur von Indonesiens Hauptstadt. Das fehlende Geld spiegelt sich aber auch im Straßenverkehr wider. Wegen der leeren Kassen wurde viel zu spät begonnen, einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr einzurichten. „Daher gibt es in Jakarta 17,5 Millionen Fahrzeuge, darunter 13 Millionen Mopeds“, so Pak Ahok weiter. Die Folge: dicke Luft  – in vielerlei Hinsicht. Eine Stadt ist wie ein Getriebe. Ein Zahnrad greift ins andere.

 

Ein wichtiger urbaner Impulsgeber ist eine fruchtbare, breit gefächerte Innovationskultur. Daher sei es auch Aufgabe der Stadtväter, diese mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu hegen und zu pflegen, fordert der italienische Architekt und Urbanisierungsexperte Carlo Ratti vom renommierten Massachusetts Institute of ­Technology (MIT). Innovationen bringen Arbeitsplätze, Arbeitsplätze bringen Geld. Das Geld bezahlt Schulen, Straßen, Sozial­leistungen, öffentlichen Nahverkehr – sprich Lebensqualität. Und ­diese Lebensqualität lockt neue Innovationstreiber in die Stadt. So die Kurzfassung urbaner Prosperität. Bestens zu bewundern in London, Singapur und Toronto, den drei Top-Playern des aktuellen PwC-Rankings.

#1

London starker Spitzenreiter mit Schwächen beim Verkehr

Die 1863 in Betrieb genommene Tube ist die älteste U-Bahn der Welt und Londons wichtigstes Verkehrsmittel

London, der Spitzenreiter des diesjährigen PwC-Rankings, macht in den Augen der Studienverfasser „viele Dinge richtig und ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus“. Die britische Hauptstadt ist ein Quell an Innovationen und Fachkräften. Außerdem verfügt die Themse-Metropole über die größte wirtschaftliche Schlagkraft und glänzt als Messestandort und internationales Verkehrsdrehkreuz. Sehr gut bestellt ist es auch um die „Technologiebereitschaft“ (Platz 2 hinter Singapur).

 

Gut, aber nicht sehr gut ist London im Bereich urbane Mobilität und Infrastruktur aufgestellt – einem wichtigen Standortfaktor, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Bürger. Schon jetzt finden jeden Tag 31 Millionen Fahrten in London statt – mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem ÖPNV. Und in allen Bereichen will London investieren. In Neubau von Fahrradschnellstraßen, Park-&-Ride-Plätzen und Bahnlinien ebenso wie den Ausbau und die Renovierung bestehender Bahnverbindungen und Straßen. Die Digitalisierung soll außerdem helfen, die Mobilität effizienter zu machen. Schon jetzt haben laut dem Jahresbericht des Londoner Verkehrsamtes 8.200 Entwickler die Daten der Behörde genutzt, um rund 500 Apps zu entwickeln, die 40 Prozent aller Londoner dazu nutzen, sich schneller und besser in ihrer Stadt zu bewegen. Das hilft auch der Umwelt, einem weiteren Schwachpunkt Londons.

 

Ein großes Problem des Nahverkehrs: Er ist zu teuer – wie so vieles in der Stadt. Ein nicht zu unterschätzender Malus: Exorbitant hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sind kein schmackhafter Köder beim Fischen nach Fachkräften. Ein weiterer Faktor, der zu einem Fachkräftemangel führen könnte: der Brexit, der in der PwC-Studie generell nicht berücksichtigt ist. Wenn der Brexit Barrieren aufbaut, indem beispielsweise der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, könnte viel Innovationskraft verloren gehen. Charles Wiles, Eigentümer der App-Schmiede Zzish und Brexit-Gegner, formuliert es bei LinkedIn so: „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Tech-Branche in London, für große Firmen wie Google oder Toshiba ebenso wie für Start-ups. Überall war es für den Erfolg ein entscheidender Faktor, dass wir Talente aus allen Teilen der Welt, aber insbesondere aus Europa zu uns ziehen konnten. Ohne diese Talente würden die Firmen in arge Probleme kommen oder gar scheitern.“

 

Einwohner 2016 8.500.000

Progn. Einw. 2040 10.400.000

Fläche 1.572 km2

Gegründet 50 n. Chr.

Seit 2001 ist der Eintritt in alle staatlichen Museen kostenlos

 

Bildung und Innovation, Messen und Tourismus, Wirtschaftlicher Einfluss

Kosten, Transport und Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Umwelt

#2

Singapur Reich und zugeknöpft

Gute Aussichten: Vom Infinity-Pool des Hotels Marina Bay Sands blickt man auf die gut aufgestellte Verkehrs- und Wirtschaftsmetropole Singapur

Singapur ist anders. Anders als London, anders als Toronto. Singapur ist schwülheiß. Singapur ist eng. Enger als fast jede andere Metropole auf der Welt. Obwohl sich die Landmasse durch Aufschüttungen in den letzten 50 Jahren um fast 50 Prozent vergrößert hat, hocken 7.654 Einwohner auf einem Quadratkilometer. In Berlin sind es halb so viele. Was Singapur ebenfalls von vielen anderen Metropolen unterscheidet: Der Stadtstaat ist reich, die Verwaltung ist so effizient strukturiert wie ein Konzern. Auch die Bevölkerung ist gut situiert. Fast 200.000 Dollar-Millionäre leben in Singapur, beim Pro-Kopf-Einkommen zählt man zu den Top Ten auf der Welt. Firmen können sich in Singapur überdurchschnittlich frei entfalten und profitieren wie die Bürger von niedrigen Steuersätzen – zwei weitere Stärken der Stadt laut PwC-Studie.

 

Viel Geld aus dem kerngesunden Staatssäckel fließt in die Bereiche Transport und Verkehr. Singapurs Hafen ist der zweitgrößte der Welt nach Shanghai, die Hälfte des weltweiten Petroleumhandels wird hier abgewickelt. In einem beneidenswerten Zustand sind auch die Straßen. Singapur hat 1975 als erste Stadt weltweit eine City-Maut eingeführt und schon ein Kleinwagen ist so teuer wie anderswo eine Luxuslimousine. Die Alternativen: Eines der 28.000 erstaunlich preiswerten Taxen schnappen, oder das ÖPNV-Angebot in Anspruch nehmen. Durch den Ausbau des Wegenetzes soll das Fahrrad attraktiver werden.

 

Sehr gut ausgebaut ist bereits das Kommunikationsnetz für schnelles Internet. Das gibt Pluspunkte im Bereich „technologische Bereitschaft“. Allerdings wird daraus zu wenig Kapital geschlagen: Singapur liegt laut der Studie im Bereich Innovationen international nicht an der Spitze. Und frischer Geist von außen muss hohe Hürden bei der Zuwanderung nehmen. Diese Schranken könnten auch das Demografieproblem Singapurs zuspitzen. Wenn die Stadt nicht gegensteuert, wird sich der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 verdoppeln.

 

 

Einwohner 2016 5.500.000

Progn. Einw. 2040 6.200.000

Fläche 718 km2

Gegründet 7. Jahrhundert n. Chr., seit 1965 unabhängiger Stadtstaat

62 Inseln bilden das Staatsgebiet

 

Technologiebereitschaft, Verkehr und Infrastruktur, Bedingungen für Geschäftstätigkeit

Nachhaltigkeit und Umwelt, Bevölkerungsstruktur, Intellektuelles Kapital und Innovationen

Toronto die verkannte Größe

#3

Blick vom Ontariosee auf die Skyline von Toronto. Herausstechendes Merkmal: der 550 Meter hohe CN Tower, einst das höchste Gebäude der Welt

London glänzt als Innovationstreiber und globaler Wirtschaftsmotor, Singapur als Technologieführer und Geschäftsförderer. Und das drittplatzierte Toronto? Laut der PwC-Studie ist die kanadische 2,6-Millionen-Einwohner-Stadt in keiner Kategorie absolute Spitze. Entscheidend ist aber: Toronto ist ein Allrounder, verbucht viele Topergebnisse und leistet sich keine Schwächen. Der Multikulti-Schmelztiegel (50% der Einwohner sind im Ausland geboren) ist nach New York der zweitwichtigste Finanzplatz Amerikas und gehört weltweit zu den Top Ten.

 

Auch in den zukunftsweisenden Hightech-Sparten Biowissenschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ist Toronto stark aufgestellt. Und: Jeder Dritte Arbeitnehmer hat einen Hochschulabschluss. Wen wundert es da, dass das „Intelligent Communities Forum“ Toronto regelmäßig zu den „Intelligentesten Städten der Welt“ zählt. Das soll so bleiben: Allein die Zahl der IKT-Kräfte soll laut einem Arbeitsmarktbericht bis 2019 um 52.700 Menschen auf dann fast eine Viertelmillion ansteigen.

 

Viele dieser Stellen könnten durch eigenen Nachwuchs besetzt werden. Toronto verweist nicht ohne Stolz darauf, 2014 in der Studie „Youthfulcities“ zur jugendfreundlichsten Stadt der Welt ernannt worden zu sein. Vieles, was Toronto so attraktiv macht, kommt gerade bei jungen Menschen gut an: innovative und kreative Arbeitsplätze, guter öffentlicher Nahverkehr, schnelles und bezahlbares Internet und digitale Dienste, attraktive Lage am Wasser und eine lebendige Musik-, Film- und Kulturszene.

 

Trotz der beneidenswert guten Rahmenbedingungen hat es Toronto geschafft, bei den Kosten – gemeint sind vor allem Lebenshaltungs- und Lohnkosten – in der PwC-Studie auf Platz zwei zu rangieren, gleich hinter Johannesburg. Es spricht also vieles dafür, nach Toronto zu ziehen. 100.000 Menschen tun dies jedes Jahr. Viele Neuankömmlinge zieht es in den Speckgürtel. Die „Greater Toronto Area“ soll von 6,6 auf über 9,4 Millionen Einwohner im Jahr 2040 wachsen. Das stellt auch Verkehrsplaner vor neue Herausforderungen. Denn bislang ist nur das Wegenetz ins Zentrum State of the Art, die Anbindung der Randbezirke untereinander ist jedoch Stückwerk.

 

 

Einwohner 2016 2.600.000

Progn. Einw. 2040 3.300.000

Fläche 630 km2

Gegründet 1793

Peter Ustinov: „Toronto ist wie ein von Schweizern geführtes New York“

 

  Gesundheitswesen und Sicherheit, Kosten, Nachhaltigkeit und Umwelt, Bildung und Innovation

  Messen und Tourismus, Transport und Infrastruktur, Wirtschaftskraft

Die Studie

Seit mehr als 14 Jahren untersucht die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) ausgesuchte Großstädte weltweit in der Studie „Cities of Opportunity“. Jeweils zwei Jahre tragen 15.000 Mitarbeiter die Kerndaten ausgesuchter Städte zusammen und erstellen ein umfangreiches Ranking.

 

Die aktuelle Studie von 2016 vergleicht 30 Metropolen von Amsterdam bis Toronto, von Sydney bis Johannesburg. Die Grafik zeigt die Top 15 plus das Schlusslicht Lagos. Ausgewertet werden 67 unterschiedlichste Kriterien, die in den folgenden zehn Kategorien zusammengefasst sind:

Lagos Schlußlicht ohne Hoffnung

Nigeria ist ein reiches Land, doch die Bevölkerung ist arm. Die Gewinne aus den ergiebigen Erdölfeldern versickern in der Korruption. Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas leidet zusätzlich unter Terrorismus. Die größte Stadt ist mit gut 15 Millionen Einwohnern Lagos – der Verlierer der PwC-Studie. Und es ist eine hausgemachte Niederlage. Denn das beste Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in diesem Vergleich mit Raten von 6,5 und 6,2 Prozent beweist das Potenzial der Stadt. Doch die Stadt investiert zu wenig, vor allem in Bildung und Wissen. Es gibt kaum Internetverbindungen, kaum frei zugängliche Bibliotheken und Universitäten, kaum Rechtssicherheit. In keiner anderen Stadt dieser Studie ist es schwerer, sein geistiges Eigentum zu schützen. Ein Gesundheitssystem ist kaum vorhanden, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. Senioren sind sich und ihren Familien überlassen. In keiner anderen Stadt herrschen mehr Gewalt und Kriminalität. Und die Stadt bietet für die breite Bevölkerung nichts, was sie lebenswert macht: keinen öffentlichen Personenverkehr, keine bezahlbare Unterhaltung, keine Parks. Lagos ist für Menschen wie für Firmen gleich attraktiv: nämlich gar nicht. Hochschullehrer, Fachpersonal, Ingenieure – alle verlassen die Stadt. Nur das Öl zieht internationale Firmen nach Lagos. Die Exporteinnahmen des Erdöls führen zu einem kontinuierlichen Anstieg der Preise und Lebenshaltungskosten. Deshalb zählt Lagos mittlerweile zu den teuersten Städten Afrikas.

Megatrend Urbanisierung

Afrika und Asien legen vor

97,6 % aller Japaner werden 2050 voraussichtlich in Städten leben – absolute Weltbestmarke. Aber auch der globale Durchschnitt manifestiert den Trend zur Urbanisierung: 66,5 % aller Erdenbürger werden laut Berechnungen der Vereinten Nationen Mitte dieses Jahrhunderts in einer Stadt wohnen. Während sich die Urbanisierung im überwiegenden Teil der industrialisierten Welt abschwächt, nimmt sie in Schwellen- und Entwicklungsländern signifikant zu. Der Anteil Asiens und Afrikas am urbanen Wachstum liegt bei 90 Prozent. China soll 2050 einen Urbanisierungsgrad von 75 Prozent erreicht haben. Zum Vergleich: 1950 lag der Wert bei 12 %. Indiens Metropole Delhi – 1950 nicht unter den 20 Top-Städten der Welt vertreten – wird 2050 mit über 30 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt hinter Tokio sein.

Die 20 größten Städte der Welt (in Millionen Einwohner)

Nordamerika

Mittel-/SüdamerikaEuropa

Afrika

Asien

Prognose: Vereinte Nationen

» Man sollte die Städte
auf dem Lande bauen,
da ist die Luft besser

Henri Bonaventure Monnier

14 Mio.

Menschen leben in Los Angeles. Sie haben viermal so viel Platz wie die 18 Mio. Einwohner Mumbais – ein typisches Beispiel für die Enge in ärmeren Megacitys.

Giga-Metropolregion

Über 100 Millionen Menschen im Perlfluss-Delta mit den Millionenstädten Guangzhou, Hongkong, Shen­zhen, Dongguan, Foshan, Jiangmen, Huizhou, Zhong­shan und Zhuhai wohnen auf einer Fläche, die in etwa der von Baden-Württemberg entspricht.

Städte als Wirtschaftsmotor

Die Wirtschaftskraft einiger Megastädte ist mittlerweile so groß wie die von einzelnen Ländern. Daher erfassen Volkswirte neben dem Brutto-Inlandsprodukt (BIP) mittlerweile auch das Brutto-Urban-Produkt (BUP). Das BUP der chinesischen 11-Millionen-Einwohner-Metropole Guang­zhou beispielsweise ist mit 271 Mrd. Dollar höher als das BIP von Finnland (270 Mrd.) Allerdings hat Guangzhou auch doppelt so viele Einwohner.

Die BUP-Top 5 im Jahr 2030 in Milliarden US-Dollar

Prognose: Oxford Economics

MAKROtrend „Greening“

Eine stabile, breite Mittelschicht bildet das Rückgrat einer gesunden Stadt. Und die dazu gehörenden Menschen haben einen veränderten Wertekanon mit einem immer stärker ausgeprägten ökologischen Bewusstsein. Das sollte sich auch in der Städteplanung widerspiegeln: Aus Grey Citys sollen Green Citys werden. Die norditalienische Industriestadt Mailand hat diesen Wandel vollzogen. 320 Hektar innerstädtische Grünflachen sind entstanden, ebenso 140 Kilometer Radwege. In der Innenstadt wurde tagsüber ein Fahrverbot für Pkw verhängt. Architektonisches Symbol für den Wandel ist der „Bosco Verticale“ („Vertikaler Wald“): Der mit Tausenden Bäumen und Sträuchern bewachsene Wohnkomplex wurde 2014 als innovativstes Hochhaus der Welt ausgezeichnet.

Mobilität in den Städten

Anteile zurückgelegter Wege nach Fortbewegungsmittel in Großstädten 2013 (in Prozent)

Motorisierter Individualverkehr

Öffentlicher Verkehr

Fahrradverkehr

Fußgängerverkehr

Sonstiges

Quelle: MAN/TU München

Fotos Zora Zhuang/Getty, Future Publishing/Getty, Ariane Soldevilla/Getty, Joey Luna/Getty, Thomas Ledl/Wikipedia, Yann Arthus-Bertrand/Getty

Die Zukunft wohnt in der Stadt

Buchstäbliche Wolkenkratzer in Shanghai: Die chinesische Megacity kommt im PwC-Stadtvergleich nur auf Rang 21. Sie kann einzig als Messezentrum und Verkehrsdrehscheibe herausstechen

Die Verstädterung der Gesellschaft wird unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen – da ist sich die Mehrheit der Trendforscher einig. Eine umfangreiche Studie der Unternehmensberatung PwC zeigt auf, warum London, Singapur und Toronto für die anstehenden Herausforderungen am besten gerüstet sind und welche Metropolen den größten Nachholbedarf haben. Drei Faktoren, die auch in der Unternehmensstrategie von Schaeffler eine zentrale Rolle spielen, gelten hier als entscheidend: Digitalisierung, Innovationsfreude und Mobilität.

von Carsten Paulun

Lian Chen ist gerade 32 geworden. Mit seiner Frau Xiaomeng (29) und seiner Tochter Laura (9) ist er vor sieben Monaten aus einem Dorf in die chinesische Millionen-Metropole Shanghai gezogen. Er war mit Leib und Seele Bauer, wie sein Vater und sein Großvater. Wie alle Eltern sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschen, möchten auch Lian und Xiaomeng, dass ihre Tochter es weniger beschwerlich haben wird als sie selbst. Nicht, dass sich die Chens über ihr früheres Leben beklagen. Sie vermissten aber eine Perspektive. Vor allem für ihre Tochter. Lian fährt jetzt Taxi, Xiaomeng arbeitet in einer Näherei. Sie sind jetzt glücklicher als früher, vor allem, weil ihre Tochter eine Chance auf eine bessere Zukunft hat. Eine Zukunft mit Bildung, Krankenversorgung und vielleicht etwas Wohlstand.

 

Gefahr durch gesellschaftliche Schieflage

 

So wie die Chens handeln Millionen Menschen weltweit. Sie ziehen in die Stadt, auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück und zumindest einem kleinen bisschen Wohlstand. Beides ist auf dem Land immer seltener zu finden. Von medizinischer Versorgung, Komfort und – ja, auch das ist wichtig – Entertainment ganz zu schweigen. Das trifft auf Afrika genauso zu wie auf den Süden Italiens oder ländliche Gebiete in Ostdeutschland.

 

Die große Landflucht stellt Metropolen wie Paris, New York, Rio de Janeiro, Shanghai, Johannesburg oder Sydney vor mächtige Herausforderungen. Es gilt, wirtschaftliche und soziale Komponenten gleichermaßen zu berücksichtigen und möglichst viele Menschen am Erfolg teilhaben zu lassen – sonst drohen gesellschaftliche Schieflagen und katastrophale Missstände wie in Lagos, dem Schlusslicht der Studie. Armut ist ein großes Problem in vielen Städten. Auch in Jakarta. Und wo es an Geld fehlt, fehlt es an Bildung. „40 Prozent unserer jüngeren Einwohner können es sich nicht leisten, zur Schule zu gehen“, klagt Pak Ahok, Gouverneur von Indonesiens Hauptstadt. Das fehlende Geld spiegelt sich aber auch im Straßenverkehr wider. Wegen der leeren Kassen wurde viel zu spät begonnen, einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr einzurichten. „Daher gibt es in Jakarta 17,5 Millionen Fahrzeuge, darunter 13 Millionen Mopeds“, so Pak Ahok weiter. Die Folge: dicke Luft  – in vielerlei Hinsicht. Eine Stadt ist wie ein Getriebe. Ein Zahnrad greift ins andere.

 

Ein wichtiger urbaner Impulsgeber ist eine fruchtbare, breit gefächerte Innovationskultur. Daher sei es auch Aufgabe der Stadtväter, diese mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu hegen und zu pflegen, fordert der italienische Architekt und Urbanisierungsexperte Carlo Ratti vom renommierten Massachusetts Institute of ­Technology (MIT). Innovationen bringen Arbeitsplätze, Arbeitsplätze bringen Geld. Das Geld bezahlt Schulen, Straßen, Sozial­leistungen, öffentlichen Nahverkehr – sprich Lebensqualität. Und ­diese Lebensqualität lockt neue Innovationstreiber in die Stadt. So die Kurzfassung urbaner Prosperität. Bestens zu bewundern in London, Singapur und Toronto, den drei Top-Playern des aktuellen PwC-Rankings.

#1

London starker Spitzenreiter mit Schwächen beim Verkehr

Die 1863 in Betrieb genommene Tube ist die älteste U-Bahn der Welt und Londons wichtigstes Verkehrsmittel

London, der Spitzenreiter des diesjährigen PwC-Rankings, macht in den Augen der Studienverfasser „viele Dinge richtig und ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus“. Die britische Hauptstadt ist ein Quell an Innovationen und Fachkräften. Außerdem verfügt die Themse-Metropole über die größte wirtschaftliche Schlagkraft und glänzt als Messestandort und internationales Verkehrsdrehkreuz. Sehr gut bestellt ist es auch um die „Technologiebereitschaft“ (Platz 2 hinter Singapur).

 

Gut, aber nicht sehr gut ist London im Bereich urbane Mobilität und Infrastruktur aufgestellt – einem wichtigen Standortfaktor, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Bürger. Schon jetzt finden jeden Tag 31 Millionen Fahrten in London statt – mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem ÖPNV. Und in allen Bereichen will London investieren. In Neubau von Fahrradschnellstraßen, Park-&-Ride-Plätzen und Bahnlinien ebenso wie den Ausbau und die Renovierung bestehender Bahnverbindungen und Straßen. Die Digitalisierung soll außerdem helfen, die Mobilität effizienter zu machen. Schon jetzt haben laut dem Jahresbericht des Londoner Verkehrsamtes 8.200 Entwickler die Daten der Behörde genutzt, um rund 500 Apps zu entwickeln, die 40 Prozent aller Londoner dazu nutzen, sich schneller und besser in ihrer Stadt zu bewegen. Das hilft auch der Umwelt, einem weiteren Schwachpunkt Londons.

 

Ein großes Problem des Nahverkehrs: Er ist zu teuer – wie so vieles in der Stadt. Ein nicht zu unterschätzender Malus: Exorbitant hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sind kein schmackhafter Köder beim Fischen nach Fachkräften. Ein weiterer Faktor, der zu einem Fachkräftemangel führen könnte: der Brexit, der in der PwC-Studie generell nicht berücksichtigt ist. Wenn der Brexit Barrieren aufbaut, indem beispielsweise der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, könnte viel Innovationskraft verloren gehen. Charles Wiles, Eigentümer der App-Schmiede Zzish und Brexit-Gegner, formuliert es bei LinkedIn so: „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Tech-Branche in London, für große Firmen wie Google oder Toshiba ebenso wie für Start-ups. Überall war es für den Erfolg ein entscheidender Faktor, dass wir Talente aus allen Teilen der Welt, aber insbesondere aus Europa zu uns ziehen konnten. Ohne diese Talente würden die Firmen in arge Probleme kommen oder gar scheitern.“

 

Einwohner 2016 8.500.000

Progn. Einw. 2040 10.400.000

Fläche 1.572 km2

Gegründet 50 n. Chr.

Seit 2001 ist der Eintritt in alle staatlichen Museen kostenlos

 

Bildung und Innovation, Messen und Tourismus, Wirtschaftlicher Einfluss

Kosten, Transport und Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Umwelt

#2

Singapur Reich und Zugeknöpft

Gute Aussichten: Vom Infinity-Pool des Hotels Marina Bay Sands blickt man auf die gut aufgestellte Verkehrs- und Wirtschaftsmetropole Singapur

Singapur ist anders. Anders als London, anders als Toronto. Singapur ist schwülheiß. Singapur ist eng. Enger als fast jede andere Metropole auf der Welt. Obwohl sich die Landmasse durch Aufschüttungen in den letzten 50 Jahren um fast 50 Prozent vergrößert hat, hocken 7.654 Einwohner auf einem Quadratkilometer. In Berlin sind es halb so viele. Was Singapur ebenfalls von vielen anderen Metropolen unterscheidet: Der Stadtstaat ist reich, die Verwaltung ist so effizient strukturiert wie ein Konzern. Auch die Bevölkerung ist gut situiert. Fast 200.000 Dollar-Millionäre leben in Singapur, beim Pro-Kopf-Einkommen zählt man zu den Top Ten auf der Welt. Firmen können sich in Singapur überdurchschnittlich frei entfalten und profitieren wie die Bürger von niedrigen Steuersätzen – zwei weitere Stärken der Stadt laut PwC-Studie.

 

Viel Geld aus dem kerngesunden Staatssäckel fließt in die Bereiche Transport und Verkehr. Singapurs Hafen ist der zweitgrößte der Welt nach Shanghai, die Hälfte des weltweiten Petroleumhandels wird hier abgewickelt. In einem beneidenswerten Zustand sind auch die Straßen. Singapur hat 1975 als erste Stadt weltweit eine City-Maut eingeführt und schon ein Kleinwagen ist so teuer wie anderswo eine Luxuslimousine. Die Alternativen: Eines der 28.000 erstaunlich preiswerten Taxen schnappen, oder das ÖPNV-Angebot in Anspruch nehmen. Durch den Ausbau des Wegenetzes soll das Fahrrad attraktiver werden.

 

Sehr gut ausgebaut ist bereits das Kommunikationsnetz für schnelles Internet. Das gibt Pluspunkte im Bereich „technologische Bereitschaft“. Allerdings wird daraus zu wenig Kapital geschlagen: Singapur liegt laut der Studie im Bereich Innovationen international nicht an der Spitze. Und frischer Geist von außen muss hohe Hürden bei der Zuwanderung nehmen. Diese Schranken könnten auch das Demografieproblem Singapurs zuspitzen. Wenn die Stadt nicht gegensteuert, wird sich der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 verdoppeln.

 

 

Einwohner 2016 5.500.000

Progn. Einw. 2040 6.200.000

Fläche 718 km2

Gegründet 7. Jahrhundert n. Chr., seit 1965 unabhängiger Stadtstaat

62 Inseln bilden das Staatsgebiet

 

Technologiebereitschaft, Verkehr und Infrastruktur, Bedingungen für Geschäftstätigkeit

Nachhaltigkeit und Umwelt, Bevölkerungsstruktur, Intellektuelles Kapital und Innovationen

Toronto die verkannte Größe

#3

Blick vom Ontariosee auf die Skyline von Toronto. Herausstechendes Merkmal: der 550 Meter hohe CN Tower, einst das höchste Gebäude der Welt

London glänzt als Innovationstreiber und globaler Wirtschaftsmotor, Singapur als Technologieführer und Geschäftsförderer. Und das drittplatzierte Toronto? Laut der PwC-Studie ist die kanadische 2,6-Millionen-Einwohner-Stadt in keiner Kategorie absolute Spitze. Entscheidend ist aber: Toronto ist ein Allrounder, verbucht viele Topergebnisse und leistet sich keine Schwächen. Der Multikulti-Schmelztiegel (50% der Einwohner sind im Ausland geboren) ist nach New York der zweitwichtigste Finanzplatz Amerikas und gehört weltweit zu den Top Ten.

 

Auch in den zukunftsweisenden Hightech-Sparten Biowissenschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ist Toronto stark aufgestellt. Und: Jeder Dritte Arbeitnehmer hat einen Hochschulabschluss. Wen wundert es da, dass das „Intelligent Communities Forum“ Toronto regelmäßig zu den „Intelligentesten Städten der Welt“ zählt. Das soll so bleiben: Allein die Zahl der IKT-Kräfte soll laut einem Arbeitsmarktbericht bis 2019 um 52.700 Menschen auf dann fast eine Viertelmillion ansteigen.

 

Viele dieser Stellen könnten durch eigenen Nachwuchs besetzt werden. Toronto verweist nicht ohne Stolz darauf, 2014 in der Studie „Youthfulcities“ zur jugendfreundlichsten Stadt der Welt ernannt worden zu sein. Vieles, was Toronto so attraktiv macht, kommt gerade bei jungen Menschen gut an: innovative und kreative Arbeitsplätze, guter öffentlicher Nahverkehr, schnelles und bezahlbares Internet und digitale Dienste, attraktive Lage am Wasser und eine lebendige Musik-, Film- und Kulturszene.

 

Trotz der beneidenswert guten Rahmenbedingungen hat es Toronto geschafft, bei den Kosten – gemeint sind vor allem Lebenshaltungs- und Lohnkosten – in der PwC-Studie auf Platz zwei zu rangieren, gleich hinter Johannesburg. Es spricht also vieles dafür, nach Toronto zu ziehen. 100.000 Menschen tun dies jedes Jahr. Viele Neuankömmlinge zieht es in den Speckgürtel. Die „Greater Toronto Area“ soll von 6,6 auf über 9,4 Millionen Einwohner im Jahr 2040 wachsen. Das stellt auch Verkehrsplaner vor neue Herausforderungen. Denn bislang ist nur das Wegenetz ins Zentrum State of the Art, die Anbindung der Randbezirke untereinander ist jedoch Stückwerk.

 

 

Einwohner 2016 2.600.000

Progn. Einw. 2040 3.300.000

Fläche 630 km2

Gegründet 1793

Peter Ustinov: „Toronto ist wie ein von Schweizern geführtes New York“

 

  Gesundheitswesen und Sicherheit, Kosten, Nachhaltigkeit und Umwelt, Bildung und Innovation

  Messen und Tourismus, Transport und Infrastruktur, Wirtschaftskraft

Die Studie

Seit mehr als 14 Jahren untersucht die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) ausgesuchte Großstädte weltweit in der Studie „Cities of Opportunity“. Jeweils zwei Jahre tragen 15.000 Mitarbeiter die Kerndaten ausgesuchter Städte zusammen und erstellen ein umfangreiches Ranking.

 

Die aktuelle Studie von 2016 vergleicht 30 Metropolen von Amsterdam bis Toronto, von Sydney bis Johannesburg. Die Grafik zeigt die Top 15 plus das Schlusslicht Lagos. Ausgewertet werden 67 unterschiedlichste Kriterien, die in den folgenden zehn Kategorien zusammengefasst sind:

Intellektuelles Kapital und Innovation

Technologiebereitschaft

Attraktivität für Messe und Tourismus

Verkehr und Infrastruktur

Gesundheit, Soziales und Sicherheit

Nachhaltigkeit und Umwelt

Demografie und Lebensqualität

Wirtschaftskraft

Bedingungen für Geschäftstätigkeit

Kosten

 

 

 

Die komplette Studie als PDF  >

Lagos Schlußlicht ohne Hoffnung

Nigeria ist ein reiches Land, doch die Bevölkerung ist arm. Die Gewinne aus den ergiebigen Erdölfeldern versickern in der Korruption. Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas leidet zusätzlich unter Terrorismus. Die größte Stadt ist mit gut 15 Millionen Einwohnern Lagos – der Verlierer der PwC-Studie. Und es ist eine hausgemachte Niederlage. Denn das beste Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in diesem Vergleich mit Raten von 6,5 und 6,2 Prozent beweist das Potenzial der Stadt. Doch die Stadt investiert zu wenig, vor allem in Bildung und Wissen. Es gibt kaum Internetverbindungen, kaum frei zugängliche Bibliotheken und Universitäten, kaum Rechtssicherheit. In keiner anderen Stadt dieser Studie ist es schwerer, sein geistiges Eigentum zu schützen. Ein Gesundheitssystem ist kaum vorhanden, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. Senioren sind sich und ihren Familien überlassen. In keiner anderen Stadt herrschen mehr Gewalt und Kriminalität. Und die Stadt bietet für die breite Bevölkerung nichts, was sie lebenswert macht: keinen öffentlichen Personenverkehr, keine bezahlbare Unterhaltung, keine Parks. Lagos ist für Menschen wie für Firmen gleich attraktiv: nämlich gar nicht. Hochschullehrer, Fachpersonal, Ingenieure – alle verlassen die Stadt. Nur das Öl zieht internationale Firmen nach Lagos. Die Exporteinnahmen des Erdöls führen zu einem kontinuierlichen Anstieg der Preise und Lebenshaltungskosten. Deshalb zählt Lagos mittlerweile zu den teuersten Städten Afrikas.

Megatrend Urbanisierung

Afrika und Asien legen vor

97,6 % aller Japaner werden 2050 voraussichtlich in Städten leben absolute Weltbestmarke. Aber auch der globale Durchschnitt manifestiert den Trend zur Urbanisierung: 66,5 % aller Erdenbürger werden laut Berechnungen der Vereinten Nationen Mitte dieses Jahrhunderts in einer Stadt wohnen. Während sich die Urbanisierung im überwiegenden Teil der industrialisierten Welt abschwächt, nimmt sie in Schwellen- und Entwicklungsländern signifikant zu. Der Anteil Asiens und Afrikas am urbanen Wachstum liegt bei 90 Prozent. China soll 2050 einen Urbanisierungsgrad von 75 Prozent erreicht haben. Zum Vergleich: 1950 lag der Wert bei 12 %. Indiens Metropole Delhi – 1950 nicht unter den 20 Top-Städten der Welt vertreten – wird 2050 mit über 30 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt hinter Tokio sein.

Die 20 größten Städte der Welt (in Millionen Einwohner)

Nordamerika

Mittel-/Südamerika

Europa

Afrika

Asien

Prognose: Vereinte Nationen

» Man sollte die Städte auf dem Lande bauen, da ist die Luft besser

Henri Bonaventure Monnier

14 Mio.

Menschen leben in Los Angeles. Sie haben viermal so viel Platz wie die 18 Mio. Einwohner Mumbais – ein typisches Beispiel für die Enge in ärmeren Megacitys.

Giga-Metropolregion

Über 100 Millionen Menschen im Perlfluss-Delta mit den Millionenstädten Guangzhou, Hongkong, Shen­zhen, Dongguan, Foshan, Jiangmen, Huizhou, Zhong­shan und Zhuhai wohnen auf einer Fläche, die in etwa der von Baden-Württemberg entspricht.

Städte als Wirtschaftsmotor

Die Wirtschaftskraft einiger Megastädte ist mittlerweile so groß wie die von einzelnen Ländern. Daher erfassen Volkswirte neben dem Brutto-Inlandsprodukt (BIP) mittlerweile auch das Brutto-Urban-Produkt (BUP). Das BUP der chinesischen 11-Millionen-Einwohner-Metropole Guang­zhou beispielsweise ist mit 271 Mrd. Dollar höher als das BIP von Finnland (270 Mrd.) Allerdings hat Guangzhou auch doppelt so viele Einwohner.

Prognose: Oxford Economics

MAKROtrend „Greening“

Eine stabile, breite Mittelschicht bildet das Rückgrat einer gesunden Stadt. Und die dazu gehörenden Menschen haben einen veränderten Wertekanon mit einem immer stärker ausgeprägten ökologischen Bewusstsein. Das sollte sich auch in der Städteplanung widerspiegeln: Aus Grey Citys sollen Green Citys werden. Die norditalienische Industriestadt Mailand hat diesen Wandel vollzogen. 320 Hektar innerstädtische Grünflachen sind entstanden, ebenso 140 Kilometer Radwege. In der Innenstadt wurde tagsüber ein Fahrverbot für Pkw verhängt. Architektonisches Symbol für den Wandel ist der „Bosco Verticale“ („Vertikaler Wald“): Der mit Tausenden Bäumen und Sträuchern bewachsene Wohnkomplex wurde 2014 als innovativstes Hochhaus der Welt ausgezeichnet.

Mobilität in den Städten

Anteile zurückgelegter Wege nach Fortbewegungsmittel in Großstädten 2013 (in Prozent)

Quelle: MAN/TU München

Fotos Zora Zhuang/Getty, Future Publishing/Getty, Ariane Soldevilla/Getty, Joey Luna/Getty, Thomas Ledl/Wikipedia, Yann Arthus-Bertrand/Getty

Die Zukunft wohnt in der Stadt

Buchstäbliche Wolkenkratzer in Shanghai: Die chinesische Megacity kommt im PwC-Stadtvergleich nur auf Rang 21. Sie kann einzig als Messezentrum und Verkehrsdrehscheibe herausstechen

Die Verstädterung der Gesellschaft wird unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen – da ist sich die Mehrheit der Trendforscher einig. Eine umfangreiche Studie der Unternehmensberatung PwC zeigt auf, warum London, Singapur und Toronto für die anstehenden Herausforderungen am besten gerüstet sind und welche Metropolen den größten Nachholbedarf haben. Drei Faktoren, die auch in der Unternehmensstrategie von Schaeffler eine zentrale Rolle spielen, gelten hier als entscheidend: Digitalisierung, Innovationsfreude und Mobilität.

von Carsten Paulun

Lian Chen ist gerade 32 geworden. Mit seiner Frau Xiaomeng (29) und seiner Tochter Laura (9) ist er vor sieben Monaten aus einem Dorf in die chinesische Millionen-Metropole Shanghai gezogen. Er war mit Leib und Seele Bauer, wie sein Vater und sein Großvater. Wie alle Eltern sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschen, möchten auch Lian und Xiaomeng, dass ihre Tochter es weniger beschwerlich haben wird als sie selbst. Nicht, dass sich die Chens über ihr früheres Leben beklagen. Sie vermissten aber eine Perspektive. Vor allem für ihre Tochter. Lian fährt jetzt Taxi, Xiaomeng arbeitet in einer Näherei. Sie sind jetzt glücklicher als früher, vor allem, weil ihre Tochter eine Chance auf eine bessere Zukunft hat. Eine Zukunft mit Bildung, Krankenversorgung und vielleicht etwas Wohlstand.

 

Gefahr durch gesellschaftliche Schieflage

 

So wie die Chens handeln Millionen Menschen weltweit. Sie ziehen in die Stadt, auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück und zumindest einem kleinen bisschen Wohlstand. Beides ist auf dem Land immer seltener zu finden. Von medizinischer Versorgung, Komfort und – ja, auch das ist wichtig – Entertainment ganz zu schweigen. Das trifft auf Afrika genauso zu wie auf den Süden Italiens oder ländliche Gebiete in Ostdeutschland.

 

Die große Landflucht stellt Metropolen wie Paris, New York, Rio de Janeiro, Shanghai, Johannesburg oder Sydney vor mächtige Herausforderungen. Es gilt, wirtschaftliche und soziale Komponenten gleichermaßen zu berücksichtigen und möglichst viele Menschen am Erfolg teilhaben zu lassen – sonst drohen gesellschaftliche Schieflagen und katastrophale Missstände wie in Lagos, dem Schlusslicht der Studie. Armut ist ein großes Problem in vielen Städten. Auch in Jakarta. Und wo es an Geld fehlt, fehlt es an Bildung. „40 Prozent unserer jüngeren Einwohner können es sich nicht leisten, zur Schule zu gehen“, klagt Pak Ahok, Gouverneur von Indonesiens Hauptstadt. Das fehlende Geld spiegelt sich aber auch im Straßenverkehr wider. Wegen der leeren Kassen wurde viel zu spät begonnen, einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr einzurichten. „Daher gibt es in Jakarta 17,5 Millionen Fahrzeuge, darunter 13 Millionen Mopeds“, so Pak Ahok weiter. Die Folge: dicke Luft  – in vielerlei Hinsicht. Eine Stadt ist wie ein Getriebe. Ein Zahnrad greift ins andere.

 

Ein wichtiger urbaner Impulsgeber ist eine fruchtbare, breit gefächerte Innovationskultur. Daher sei es auch Aufgabe der Stadtväter, diese mit entsprechenden Rahmenbedingungen zu hegen und zu pflegen, fordert der italienische Architekt und Urbanisierungsexperte Carlo Ratti vom renommierten Massachusetts Institute of ­Technology (MIT). Innovationen bringen Arbeitsplätze, Arbeitsplätze bringen Geld. Das Geld bezahlt Schulen, Straßen, Sozial­leistungen, öffentlichen Nahverkehr – sprich Lebensqualität. Und ­diese Lebensqualität lockt neue Innovationstreiber in die Stadt. So die Kurzfassung urbaner Prosperität. Bestens zu bewundern in London, Singapur und Toronto, den drei Top-Playern des aktuellen PwC-Rankings.

London starker Spitzenreiter mit Schwächen beim Verkehr

#1

London, der Spitzenreiter des diesjährigen PwC-Rankings, macht in den Augen der Studienverfasser „viele Dinge richtig und ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus“. Die britische Hauptstadt ist ein Quell an Innovationen und Fachkräften. Außerdem verfügt die Themse-Metropole über die größte wirtschaftliche Schlagkraft und glänzt als Messestandort und internationales Verkehrsdrehkreuz. Sehr gut bestellt ist es auch um die „Technologiebereitschaft“ (Platz 2 hinter Singapur).

 

Gut, aber nicht sehr gut ist London im Bereich urbane Mobilität und Infrastruktur aufgestellt – einem wichtigen Standortfaktor, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Bürger. Schon jetzt finden jeden Tag 31 Millionen Fahrten in London statt – mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem ÖPNV. Und in allen Bereichen will London investieren. In Neubau von Fahrradschnellstraßen, Park-&-Ride-Plätzen und Bahnlinien ebenso wie den Ausbau und die Renovierung bestehender Bahnverbindungen und Straßen. Die Digitalisierung soll außerdem helfen, die Mobilität effizienter zu machen. Schon jetzt haben laut dem Jahresbericht des Londoner Verkehrsamtes 8.200 Entwickler die Daten der Behörde genutzt, um rund 500 Apps zu entwickeln, die 40 Prozent aller Londoner dazu nutzen, sich schneller und besser in ihrer Stadt zu bewegen. Das hilft auch der Umwelt, einem weiteren Schwachpunkt Londons.

 

Ein großes Problem des Nahverkehrs: Er ist zu teuer – wie so vieles in der Stadt. Ein nicht zu unterschätzender Malus: Exorbitant hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sind kein schmackhafter Köder beim Fischen nach Fachkräften. Ein weiterer Faktor, der zu einem Fachkräftemangel führen könnte: der Brexit, der in der PwC-Studie generell nicht berücksichtigt ist. Wenn der Brexit Barrieren aufbaut, indem beispielsweise der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert wird, könnte viel Innovationskraft verloren gehen. Charles Wiles, Eigentümer der App-Schmiede Zzish und Brexit-Gegner, formuliert es bei LinkedIn so: „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Tech-Branche in London, für große Firmen wie Google oder Toshiba ebenso wie für Start-ups. Überall war es für den Erfolg ein entscheidender Faktor, dass wir Talente aus allen Teilen der Welt, aber insbesondere aus Europa zu uns ziehen konnten. Ohne diese Talente würden die Firmen in arge Probleme kommen oder gar scheitern.“

 

Einwohner 2016 8.500.000

Progn. Einw. 2040 10.400.000

Fläche 1.572 km2

Gegründet 50 n. Chr.

Seit 2001 ist der Eintritt in alle staatlichen Museen kostenlos

 

Bildung und Innovation, Messen und Tourismus, Wirtschaftlicher Einfluss

Kosten, Transport und Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Umwelt

Singapur Reich und Zugeknöpft

#2

Singapur ist anders. Anders als London, anders als Toronto. Singapur ist schwülheiß. Singapur ist eng. Enger als fast jede andere Metropole auf der Welt. Obwohl sich die Landmasse durch Aufschüttungen in den letzten 50 Jahren um fast 50 Prozent vergrößert hat, hocken 7.654 Einwohner auf einem Quadratkilometer. In Berlin sind es halb so viele. Was Singapur ebenfalls von vielen anderen Metropolen unterscheidet: Der Stadtstaat ist reich, die Verwaltung ist so effizient strukturiert wie ein Konzern. Auch die Bevölkerung ist gut situiert. Fast 200.000 Dollar-Millionäre leben in Singapur, beim Pro-Kopf-Einkommen zählt man zu den Top Ten auf der Welt. Firmen können sich in Singapur überdurchschnittlich frei entfalten und profitieren wie die Bürger von niedrigen Steuersätzen – zwei weitere Stärken der Stadt laut PwC-Studie.

 

Viel Geld aus dem kerngesunden Staatssäckel fließt in die Bereiche Transport und Verkehr. Singapurs Hafen ist der zweitgrößte der Welt nach Shanghai, die Hälfte des weltweiten Petroleumhandels wird hier abgewickelt. In einem beneidenswerten Zustand sind auch die Straßen. Singapur hat 1975 als erste Stadt weltweit eine City-Maut eingeführt und schon ein Kleinwagen ist so teuer wie anderswo eine Luxuslimousine. Die Alternativen: Eines der 28.000 erstaunlich preiswerten Taxen schnappen, oder das ÖPNV-Angebot in Anspruch nehmen. Durch den Ausbau des Wegenetzes soll das Fahrrad attraktiver werden.

 

Sehr gut ausgebaut ist bereits das Kommunikationsnetz für schnelles Internet. Das gibt Pluspunkte im Bereich „technologische Bereitschaft“. Allerdings wird daraus zu wenig Kapital geschlagen: Singapur liegt laut der Studie im Bereich Innovationen international nicht an der Spitze. Und frischer Geist von außen muss hohe Hürden bei der Zuwanderung nehmen. Diese Schranken könnten auch das Demografieproblem Singapurs zuspitzen. Wenn die Stadt nicht gegensteuert, wird sich der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 verdoppeln.

 

 

Einwohner 2016 5.500.000

Progn. Einw. 2040 6.200.000

Fläche 718 km2

Gegründet 7. Jahrhundert n. Chr., seit 1965 unabhängiger Stadtstaat

62 Inseln bilden das Staatsgebiet

 

Technologiebereitschaft, Verkehr und Infrastruktur, Bedingungen für Geschäftstätigkeit

Nachhaltigkeit und Umwelt, Bevölkerungsstruktur, Intellektuelles Kapital und Innovationen

Toronto die verkannte Größe

#3

London glänzt als Innovationstreiber und globaler Wirtschaftsmotor, Singapur als Technologieführer und Geschäftsförderer. Und das drittplatzierte Toronto? Laut der PwC-Studie ist die kanadische 2,6-Millionen-Einwohner-Stadt in keiner Kategorie absolute Spitze. Entscheidend ist aber: Toronto ist ein Allrounder, verbucht viele Topergebnisse und leistet sich keine Schwächen. Der Multikulti-Schmelztiegel (50% der Einwohner sind im Ausland geboren) ist nach New York der zweitwichtigste Finanzplatz Amerikas und gehört weltweit zu den Top Ten.

 

Auch in den zukunftsweisenden Hightech-Sparten Biowissenschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ist Toronto stark aufgestellt. Und: Jeder Dritte Arbeitnehmer hat einen Hochschulabschluss. Wen wundert es da, dass das „Intelligent Communities Forum“ Toronto regelmäßig zu den „Intelligentesten Städten der Welt“ zählt. Das soll so bleiben: Allein die Zahl der IKT-Kräfte soll laut einem Arbeitsmarktbericht bis 2019 um 52.700 Menschen auf dann fast eine Viertelmillion ansteigen.

 

Viele dieser Stellen könnten durch eigenen Nachwuchs besetzt werden. Toronto verweist nicht ohne Stolz darauf, 2014 in der Studie „Youthfulcities“ zur jugendfreundlichsten Stadt der Welt ernannt worden zu sein. Vieles, was Toronto so attraktiv macht, kommt gerade bei jungen Menschen gut an: innovative und kreative Arbeitsplätze, guter öffentlicher Nahverkehr, schnelles und bezahlbares Internet und digitale Dienste, attraktive Lage am Wasser und eine lebendige Musik-, Film- und Kulturszene.

 

Trotz der beneidenswert guten Rahmenbedingungen hat es Toronto geschafft, bei den Kosten – gemeint sind vor allem Lebenshaltungs- und Lohnkosten – in der PwC-Studie auf Platz zwei zu rangieren, gleich hinter Johannesburg. Es spricht also vieles dafür, nach Toronto zu ziehen. 100.000 Menschen tun dies jedes Jahr. Viele Neuankömmlinge zieht es in den Speckgürtel. Die „Greater Toronto Area“ soll von 6,6 auf über 9,4 Millionen Einwohner im Jahr 2040 wachsen. Das stellt auch Verkehrsplaner vor neue Herausforderungen. Denn bislang ist nur das Wegenetz ins Zentrum State of the Art, die Anbindung der Randbezirke untereinander ist jedoch Stückwerk.

 

 

Einwohner 2016 2.600.000

Progn. Einw. 2040 3.300.000

Fläche 630 km2

Gegründet 1793

Peter Ustinov: „Toronto ist wie ein von Schweizern geführtes New York“

 

Gesundheitswesen und Sicherheit, Kosten, Nachhaltigkeit und Umwelt, Bildung und Innovation

Messen und Tourismus, Transport und Infrastruktur, Wirtschaftskraft

Die Studie

Seit mehr als 14 Jahren untersucht die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) ausgesuchte Großstädte weltweit in der Studie „Cities of Opportunity“. Jeweils zwei Jahre tragen 15.000 Mitarbeiter die Kerndaten ausgesuchter Städte zusammen und erstellen ein umfangreiches Ranking.

 

Die aktuelle Studie von 2016 vergleicht 30 Metropolen von Amsterdam bis Toronto, von Sydney bis Johannesburg. Die Grafik hinter dem Link zeigt die Top 15 plus das Schlusslicht Lagos. Ausgewertet werden 67 unterschiedlichste Kriterien.

Lagos Schlusslicht

ohne Hoffnung

Nigeria ist ein reiches Land, doch die Bevölkerung ist arm. Die Gewinne aus den ergiebigen Erdölfeldern versickern in der Korruption. Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas leidet zusätzlich unter Terrorismus. Die größte Stadt ist mit gut 15 Millionen Einwohnern Lagos – der Verlierer der PwC-Studie. Und es ist eine hausgemachte Niederlage. Denn das beste Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in diesem Vergleich mit Raten von 6,5 und 6,2 Prozent beweist das Potenzial der Stadt. Doch die Stadt investiert zu wenig, vor allem in Bildung und Wissen. Es gibt kaum Internetverbindungen, kaum frei zugängliche Bibliotheken und Universitäten, kaum Rechtssicherheit. In keiner anderen Stadt dieser Studie ist es schwerer, sein geistiges Eigentum zu schützen. Ein Gesundheitssystem ist kaum vorhanden, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. Senioren sind sich und ihren Familien überlassen. In keiner anderen Stadt herrschen mehr Gewalt und Kriminalität. Und die Stadt bietet für die breite Bevölkerung nichts, was sie lebenswert macht: keinen öffentlichen Personenverkehr, keine bezahlbare Unterhaltung, keine Parks. Lagos ist für Menschen wie für Firmen gleich attraktiv: nämlich gar nicht. Hochschullehrer, Fachpersonal, Ingenieure – alle verlassen die Stadt. Nur das Öl zieht internationale Firmen nach Lagos. Die Exporteinnahmen des Erdöls führen zu einem kontinuierlichen Anstieg der Preise und Lebenshaltungskosten. Deshalb zählt Lagos mittlerweile zu den teuersten Städten Afrikas.

Megatrend Urbanisierung

Afrika und Asien legen vor

97,6 % aller Japaner werden 2050 voraussichtlich in Städten leben – absolute Weltbestmarke. Aber auch der globale Durchschnitt manifestiert den Trend zur Urbanisierung: 66,5 % aller Erdenbürger werden laut Berechnungen der Vereinten Nationen Mitte dieses Jahrhunderts in einer Stadt wohnen. Während sich die Urbanisierung im überwiegenden Teil der industrialisierten Welt abschwächt, nimmt sie in Schwellen- und Entwicklungsländern signifikant zu. Der Anteil Asiens und Afrikas am urbanen Wachstum liegt bei 90 Prozent. China soll 2050 einen Urbanisierungsgrad von 75 Prozent erreicht haben. Zum Vergleich: 1950 lag der Wert bei 12 %. Indiens Metropole Delhi – 1950 nicht unter den 20 Top-Städten der Welt vertreten – wird 2050 mit über 30 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt hinter Tokio sein.

» Man sollte die Städte auf dem Lande bauen, da ist die Luft besser

Henri Bonaventure Monnier

14 Mio.

Menschen leben in Los Angeles. Sie haben viermal so viel Platz wie die 18 Mio. Einwohner Mumbais – ein typisches Beispiel für die Enge in ärmeren Megacitys.

Giga-Metropolregion

Über 100 Millionen Menschen im Perlfluss-Delta mit den Millionenstädten Guangzhou, Hongkong, Shen­zhen, Dongguan, Foshan, Jiangmen, Huizhou, Zhong­shan und Zhuhai wohnen auf einer Fläche, die in etwa der von Baden-Württemberg entspricht.

Städte als Wirtschaftsmotor

Die Wirtschaftskraft einiger Megastädte ist mittlerweile so groß wie die von einzelnen Ländern. Daher erfassen Volkswirte neben dem Brutto-Inlandsprodukt (BIP) mittlerweile auch das Brutto-Urban-Produkt (BUP). Das BUP der chinesischen 11-Millionen-Einwohner-Metropole Guang­zhou beispielsweise ist mit 271 Mrd. Dollar höher als das BIP von Finnland (270 Mrd.) Allerdings hat Guangzhou auch doppelt so viele Einwohner.

Prognose: Oxford Economics

MAKROtrend „Greening“

Eine stabile, breite Mittelschicht bildet das Rückgrat einer gesunden Stadt. Und die dazu gehörenden Menschen haben einen veränderten Wertekanon mit einem immer stärker ausgeprägten ökologischen Bewusstsein. Das sollte sich auch in der Städteplanung widerspiegeln: Aus Grey Citys sollen Green Citys werden. Die norditalienische Industriestadt Mailand hat diesen Wandel vollzogen. 320 Hektar innerstädtische Grünflachen sind entstanden, ebenso 140 Kilometer Radwege. In der Innenstadt wurde tagsüber ein Fahrverbot für Pkw verhängt. Architektonisches Symbol für den Wandel ist der „Bosco Verticale“ („Vertikaler Wald“): Der mit Tausenden Bäumen und Sträuchern bewachsene Wohnkomplex wurde 2014 als innovativstes Hochhaus der Welt ausgezeichnet.

Mobilität in den Städten

Anteile zurückgelegter Wege nach Fortbewegungsmittel in Großstädten 2013 (in Prozent)

Quelle: MAN/TU München

Fotos Zora Zhuang/Getty, Future Publishing/Getty, Ariane Soldevilla/Getty, Joey Luna/Getty, Thomas Ledl/Wikipedia, Yann Arthus-Bertrand/Getty

Die Online-Version des Technologiemagazins von Schaeffler